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Leitartikel
Wir Weltmeister im Jammern auf hohem Niveau

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Die Deutschen jammern auf hohem Niveau. Diesen Satz bekommt man häufiger zu hören. Vor allem auf Auslandsreisen. Für viele Menschen in anderen Staaten gilt Deutschland geradezu als Sehnsuchtsort. Von Stefan Vetter

Weil hier Frieden herrscht. Und weil es den meisten Bürgern gut geht. Ein Befund, der sich in einer aktuellen Untersuchung des Sparkassenverbandes widerspiegelt. Die Kluft zwischen der materiellen Zufriedenheit und den Sorgen über politische und gesellschaftliche Entwicklungen lässt sich darin allerdings genauso erkennen. Was läuft schief im Land?

Zählte allein das materielle Glück, müsste die schwarz-grüne Landesregierung in Hessen am Sonntag mit einem fulminanten Wahlergebnis im Amt bestätigt werden. Denn ausweisliche der Sparkassen-Studie ist dort der Anteil der Menschen, die sich finanziell gut ausgestattet fühlen, unter allen Bundesländern am höchsten. Trotzdem droht Schwarz-Grün in Wiesbaden ein Einbruch. Ähnlich sähe es im Bund aus, würde hier in Kürze gewählt. Von wegen, eine große Koalition geht immer – Union und SPD standen in Berlin noch nie so schlecht da wie jetzt. Dabei kam auch eine Allensbach-Erhebung erst vor wenigen Wochen zu dem Ergebnis, dass es den Deutschen im besten (Wahl)-Alter zwischen 30 und 59 Jahren insgesamt noch nie so gut gegangen ist wie jetzt.

Offenkundig leiden die allermeisten Bundesbürger nicht an einer materiellen Krise, wohl aber an einer Vertrauenskrise. An einem mangelndem Vertrauen in den Staat und seine Institutionen. Es dominiert zunehmend das Gefühl, die Parteien machten Politik an ihnen vorbei. Und je besser es vielen geht, desto stärker ist dieses Unbehagen offenbar ausgeprägt. Was auch nicht sonderlich verwundert. Denn wer viel hat, der glaubt, viel verlieren zu können.



Dabei steckt in dieser Wahrnehmung auch eine Menge Hysterie. Mit der Realität hat das Unbehagen jedenfalls nur begrenzt zu tun. Gerade erst hat die Bundesregierung ein ganzes Bündel von Maßnahmen auf den Weg gebracht, das sich an weite Teile der Bevölkerung richtet. Paritätische Beitragsfinanzierung, „Gutes-Kita-Gesetz“, Brückenteilzeit, bessere Konditionen für kleine Selbstständige in der gesetzlichen Krankenversicherung. Man kann beklagen, dass das alles viel zu wenig ist. Aber es ist deutlich mehr als nichts.

Dass solche Vorstöße durch hausgemachten politischen Streit entwertet werden, ist allerdings genauso rot-schwarze Praxis. Aber vielleicht hilft hier etwas mehr Gelassenheit. Nicht jede Debatte ist gleich ein politischer Untergang. Genauso wie übrigens auch Wohlstand relativ ist. So liegen die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte zum Beispiel in Baden-Württemberg deutlich höher als die im Stadtstaat Bremen. Aber mit der materiellen Zufriedenheit ihrer jeweiligen Bewohner verhält es sich nach den aktuellen Daten genau umgekehrt. Das Jammern auf hohem Niveau wird wohl auf ewig eine deutsche Eigenheit bleiben.