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Nach Absturz von Ethiopian-Airlines-Maschine
Vertrauen in Boeing ist vorerst verflogen

Ganze neun Tage hat Boeing-Chef Dennis Muilenburg gebraucht, um in einem Brief an die Öffentlichkeit das Geschehene zu bedauern und für Vertrauen zu werben. Von Fatima Abbas

Ganze neun Tage nach dem tragischen Absturz der Boeing 737 Max 8 von Ethiopian Airlines – ein Unglück, bei dem am 10. März 157 Menschen ums Leben kamen. Wie es genau dazu kam, ist Gegenstand laufender Ermittlungen. Doch einiges ist bereits bekannt: Der Absturz der baugleichen Lion-Air-Maschine im Oktober 2018 hatte „klare Ähnlichkeiten“ mit dem jüngsten Absturz. Damals starben 189 Menschen.

In beiden Fällen leitete die Trimmsoftware MACS wohl fast einen Sturzflug ein. Den Piloten gelang es nicht, gegenzusteuern. Statt direkt nach dem Unglück am 10. März über diesen fatalen Mechanismus aufzuklären, ruft Muilenburg den US-Präsidenten an, um einen Stopp des Flugzeugmodells in den USA zu verhindern. Nach dem Motto: Profit first.

Das allein wäre skandalös genug, wenn es nicht noch die Vorgeschichte gäbe, die unter anderem der Spiegel unter dem Titel „Ahnungslose Piloten“ rekonstruiert hat. Demnach hatte Boeing ursprünglich geplant, das mehr als 50 Jahre alte Modell 737 durch ein neu entworfenes Flugzeug zu ersetzen. Dann entschied sich der Konzern aber für die Billig-Variante und verpasste dem alten Modell zwei neue, viel zu große Triebwerke. Um zu verhindern, dass das Flickwerk aus dem Gleichgewicht gerät, setzte Boeing die möglicherweise lebensgefährliche Software MACS ein. Kostensparen auf Kosten der Passagiere? Es wird schwer, diesen Verdacht auszuräumen. Zumal sich nach den Verstrickungen mit der US-Luftfahrtbehörde FAA die Glaubwürdigkeitskurve von Boeing ohnehin bereits im Sinkflug befindet.



Zu allem Übel soll der Konzern die Piloten der Airlines nicht explizit über die Existenz von MACS informiert haben. Mehrere Piloten beschwerten sich über fehlende Hinweise im Handbuch. Selbst der Ethiopian-Airlines-Pilot, der sich nach der Lion-Air-Katastrophe mit der Software befasst haben soll, konnte nichts gegen sie ausrichten. Wie ist das möglich?

Technik ist nur hilfreich, wenn man sich auf sie verlassen kann. Dass die Piloten das möglicherweise nicht konnten, weil der Flugzeugbauer ihnen Informationen nur unzureichend zur Verfügung stellte, ist ein handfester Skandal.

Deshalb ist es auch zynisch, dass der Konzernchef in dem Brief, der wie ein technokratisches Pflichtprotokoll daherkommt, verspricht, seine Piloten in dem neuen System schulen zu wollen. Bedurfte es dafür erst zweier Flugzeugabstürze?

Das Flugzeug gilt als das sicherste Verkehrsmittel. Keinem Passagier ist zuzumuten, an Bord darüber nachdenken zu müssen, ob der Pilot die Flugzeug-Software im Zweifelsfall beherrscht oder nicht. Die Luftfahrtbranche lebt von Vertrauen. Und das kann nur dann wiederhergestellt werden, wenn sich Boeing glaubhaft verpflichtet, einen möglicherweise fatalen Systemfehler zu beheben. Eine Garantie dafür liefert der Konzern in seiner ach so vertrauensstiftenden Erklärung jedoch nicht.