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Affäre um Erdogan-Fotos
Mesut Özils fatale Botschaft an alle Deutsch-Türken

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Mit diesem Traktat hat Mesut Özil niemandem einen Gefallen getan. Im Gegenteil: Die Generalabrechnung des – man muss inzwischen sagen ehemaligen – Fußball-Nationalspielers trägt dazu bei, bestehende gesellschaftliche Wunden noch weiter aufzureißen. Von Gerrit Dauelsberg

An Versöhnung scheint Özil nicht interessiert zu sein. Kein Dank an diejenigen, die ihn all die Jahre – und auch in den vergangenen Monaten – unterstützt und verteidigt haben. Keine differenzierte Auseinandersetzung mit der Kritik an seinen Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Keinerlei Eingeständnis eigener Fehler. Stattdessen stellt er Deutschland als ein Land voller Rassisten dar. So einfach ist das offenbar für ihn.

Um das klarzustellen: Sicherlich wurde die Affäre um die Erdogan-Fotos teilweise dazu genutzt, um rassistisches Gedankengut zu verbreiten. Einige rechte Hetzer, die es ohnehin noch nie ertragen konnten, dass ein „Türke“ in der deutschen Nationalmannschaft spielt, instrumentalisierten die Fotos für ihre Zwecke. Hier hätte sich der DFB entschiedener vor seinen Spieler stellen müssen. Stattdessen hat er ihn nach dem WM-Debakel zum Sündenbock für das Scheitern gemacht. Das war unangebracht.

Allerdings: Rassismus ist nicht der Kern der Özil-Erdogan-Affäre. Den meisten Kritikern ging es in der Tat um die politische Dimension der Fotos. Und diese Kritiker haben Recht: Wer Deutschland in der Welt vertritt, muss für unsere Werte einstehen. Für Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Meinungs- und Pressefreiheit. Da sind Fotos mit einem Despoten wie Erdogan, der all diese Werte mit Füßen tritt, inakzeptabel. Vor allem im Wahlkampf.



Und ja, hier spielt tatsächlich die türkische Herkunft Özils eine Rolle. Ob gewollt oder nicht: Mit seiner katastrophalen Aktion hat er sich zur Symbolfigur für die in der Tat bedenklich hohe Anzahl an Erdogan-Unterstützern unter den Deutsch-Türken gemacht. Özil traf so gesehen einen gesellschaftlichen Nerv. Daher die große Empörung, die bisweilen mit Rassismus verwechselt wurde. Doch statt sich tiefer mit dem Grund für eben diese Empörung auseinanderzusetzen, weicht Özil diesem Thema in seiner Stellungnahme komplett aus. Kein Wort zur Person Erdogan, kein Wort zu den Zuständen in der Türkei.

Dass sich Özil stattdessen ausschließlich als Rassismus-Opfer präsentiert, ist fatal. Seine Stellungnahme sendet eine ebenso falsche wie verheerende Botschaft an alle Deutsch-Türken. Sie lautet: Ihr braucht euch gar nicht anzustrengen. Egal was ihr leistet, die deutsche Gesellschaft wird euch ohnehin niemals als ein Teil von ihr akzeptieren. Dabei sollte Özil es besser wissen: Seine Fangemeinde in Deutschland war und ist riesig. Für viele Jugendliche ist er ein größeres Vorbild, als es jeder Politiker jemals sein könnte. Gerade vor diesem Hintergrund sind seine spalterischen Äußerungen schlicht unverantwortlich. Genau wie die Fotos mit Erdogan selbst. Die dürften viele Deutsch-Türken darin bestärken, den Despoten auch in Zukunft zu unterstützen.