| 20:41 Uhr

Notre-Dame in Flammen
Was uns das Inferno von Paris über Humanität lehrt

 Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus FOTO: SZ / Robby Lorenz
Kein Tag ohne das: Menschen sterben, kulturelles Erbe geht verloren. Wir nehmen es hin. Doch dann gibt es Tage wie diesen, den 15. April 2019. Er schreibt Geschichte. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Notre-Dame brennt – und die Weltgemeinschaft überschlägt sich mit Solidaritäts-Bekundungen und Spendenaktionen, Pathos tränkt die öffentliche Anteilnahme, auch politisches Kalkül der Europa-Wahlkämpfer. Man darf also zur kollektiven Erschütterung auf Distanz bleiben, zumal Notre-Dame ja wieder erstehen wird, so wie einst die Dresdner Frauenkirche. Doch sind die Rationalisten die wahren Durchblicker?

 Viel spricht dafür, dass hier mehr aufbricht als die Sentimentalität von Touristen, die ihre persönliche Erinnerung an ein zerstörtes Postkarten-Paris bedroht sehen. La vie en rose, das ist Paris – Brandwunden passen nicht ins Bild? Nein, die Trauer um Notre-Dame hat eine tiefere, eine humane Dimension. Warum? Zum einen gelten Jahrhunderte alte Giganten wir die Notre-Dame als unerschütterlich und unveränderbar. Das tröstet und beruhigt in einer durch Modernisierungs-Umbrüche destabilisierten Welt. Derweil schockiert das Notre-Dame-Unglück mit der Lektion, dass Unverletzlichkeit eine Illusion ist – oder ein Geschenk auf Zeit.

Zum anderen sind Denkmäler, nicht nur die im Rang einer Notre-Dame, materialisierte Erinnerungen einer Gemeinschaft, prägen die Kulturlandschaft, vermitteln Wissen um die zivilisatorischen Leistungen der Vorgänger-Generationen: Von hier komme ich, hierher gehöre ich – diese Kontaktsuche zur Herkunft begleitet die Menschheitsgeschichte seit den Neandertalern – auch die Gruppenbildung. Und so ist denn die Verwüstung von Gedenkorten eine politische Waffe seit je. Eine besonders primitive Variante erleben wir in jüngster Zeit durch islamistischen Terror. Besondere Aufmerksamkeit ernteten die Verwüstung der Ruinenstadt Palmyra in Syrien oder die der afghanischen Buddha-Statuen von Bamiyan (2001). Dass der internationale Gerichtshof die Zerstörung von Weltkulturerbe-Stätten in Timbuktu von 2012 erstmals als Verbrechen wider die Menschlichkeit einstufte, belegt, wie hoch das kulturelle Gedächtnis einzustufen ist. Die Unesco schützt weltweit 800 historische Kulturstätten nicht nur deshalb, weil sie unwiederbringlich sind, sondern weil man sie als Gemeinschafts-Eigentum der Menschheit definiert. In Zeiten des globalen Massentourismus ist dies wahrer denn je.



Man muss kein Rechtspopulist sein, um zu behaupten, dass das Pariser Unglück das Bewusstsein für die gemeinsamen Wurzeln Europas schärft. In Frankreich wurde die Gotik erfunden, alle gotischen Kathedralen bezeugen ein gemeinsames historisches Band. Was wären Europas Städte ohne die Kirchen? Und es gibt eine weitere Lehre aus Flammen-Katastrophen, die nicht nur Paris, sondern zuvor auch schon Venedig (Fenice-Theater) oder Weimar (Anna Amalia Bibliothek) trafen. Nach jedem Inferno muss das Erbe nicht nur baulich neu gewonnen werden, sondern es wird auch neu gewürdigt. So verbeugen wir uns jetzt tief vor Notre-Dame.