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Brexit-Deal greifbar
London muss ein Partner bleiben – außerhalb der EU

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Das Scheidungsdrama zwischen Brüssel und London nimmt seinen Lauf. Es ist wie im echten Leben. Die Fragen sind: Zerlegen sich beide Seiten völlig, bevor es vor den Scheidungsrichter geht? Ist die Beziehung so zerrüttet, dass Absprachen über eine gemeinsame Gestaltung der Zukunft gar nicht mehr möglich sind? Von Markus Grabitz

Oder gelingt es doch noch, verbrannte Erde zu vermeiden?

Beide Möglichkeiten sind noch in der Verlosung. Bei aller Vorsicht: Es gibt aber Hoffnung, dass das Schlimmste vermieden werden kann. Einen Brexit im Chaos abzuwenden wäre ein Segen – vor allem für Reisende und Unternehmen, aber auch für das Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU. Nicht umsonst hat Angela Merkel darauf vor dem Europaparlament hingewiesen: Die Atmosphäre, in der die Trennungsverhandlungen ablaufen, sei entscheidend dafür, wie gut oder schlecht London und Brüssel auf lange Sicht miteinander zusammenarbeiten werden. Man darf nicht vergessen: Auch nach dem Brexit bleibt Großbritannien wirtschaftlich und politisch ein wichtiger Partner der EU, mit dem es sich die Europäer nicht verscherzen dürfen.

Noch gibt es viele Fragezeichen hinter der Einigung auf einen Austrittsvertrag, den die Unterhändler  angeblich erreicht haben und für den gestern Premierministerin Theresa May in London warb. Klar ist aber: Die Briten werden aussteigen aus der EU. Egal ob der Brexit in geordneten Bahnen abläuft oder wild – die Pro-Europäer müssen sich wappnen für die Zeit danach. Der Schnitt an sich wird schmerzhaft werden und Geld kosten. Die Wirtschaft in der EU wird weniger wachsen, Unternehmen werden weniger Gewinne machen, Einnahmen aus Steuern und Sozialabgaben niedriger ausfallen, als wenn die Briten mit im Club geblieben wären.



Die Gegner der EU werden versuchen, aus den Schmerzen und Kosten der Scheidung  Honig zu ziehen, die Rechnung dafür in Brüssel abzuladen. Populisten warten nur darauf, im Europa-Wahlkampf der EU den Schwarzen Peter zuzuschieben. Sie werden Brüssel vorwerfen, zu hart verhandelt und Großbritannien in die Ecke gedrängt zu haben. Auf dieses Spiel dürfen sich die Europäer aber nicht einlassen.

Dabei darf nicht vergessen werden: Das letzte Wort darüber, ob der Austrittsvertrag in Kraft tritt, hat das Europaparlament. Noch kennt niemand die Details des mehrere hundert Seiten umfassenden Scheidungsdokuments. Es kommt aber darauf an, dass seine Botschaft stimmt. Die Europäer dürfen nicht den Eindruck haben, dass da von Eurokraten ein verschwurbelter Kompromiss gefunden wurde. Es muss klar sein, dass Großbritannien mit dem Brexit auch wirklich raus ist aus der Gemeinschaft. Es darf keinen Zweifel geben, dass die Briten nicht mehr in Ansätzen die Vorzüge des Binnenmarktes genießen dürfen, wenn sie keine Beiträge mehr zum EU-Haushalt leisten.  Alles andere wäre fatal. Ansonsten drohte es, Nachahmer zu geben. Ein Zerfallsprozess der Europäischen Union wäre programmiert.