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Leitartikel
Den Verbrauchern muss die Lieferung mehr wert sein

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Vor allem aus Bequemlichkeit ordern immer mehr Menschen im Internet und gehen nicht zum Einzelhändler an der Ecke. So es ihn noch gibt. Dadurch werden auch immer mehr Pakete verschickt, doch die Zusteller bekommen kaum etwas ab von der Hochkonjunktur in ihrer Sparte. Von Hagen Strauss

Im Gegenteil: Es herrscht Wildwuchs im Gewerbe. Die Branche steht geradezu beispielhaft für die Schattenseiten der Digitalisierung und der vielen neuen Dienstleistungsjobs, die sie hervorbringt.

Die Tausenden Boten der großen Konzerne stehen erheblich unter Druck, sie werden miserabel für ihre knochenharte Arbeit bezahlt, die soziale Absicherung ist schlecht und wehe, einer wird mal krank.  Zugleich ist der Konkurrenzkampf, der über Subunternehmen geführt wird, extrem hart. Insbesondere Arbeitskräfte aus Osteuropa werden nach Erkenntnissen des Zolls häufig regelrecht ausgebeutet. Das zu ändern, ist dringend notwendig. Schließlich brauchen auch die Ausläufer des Online-Handels und der angeblich schönen, neuen Arbeitswelt im digitalen Zeitalter klare Regeln im Interesse von Arbeitnehmern. Daran muss anlässlich des 1. Mai, des Tags der Arbeit, erst recht erinnert werden.

Die SPD will gegen die Zustände jetzt etwas tun. Das ist nur zu begrüßen. Denn wenn eine offenbar überforderte, vielleicht sogar unwillige Branche im Wachstumswahn nicht in der Lage ist, sich selbst zu regulieren, dann ist der Eingriff des Staates von außen zwingend. Also will Arbeitsminister Hubertus Heil per Gesetz die großen Logistikfirmen in Haftung nehmen, wenn die unterschlagenen Sozialversicherungsbeiträge bei den Subunternehmern nicht einzutreiben sind. Heil setzt auf die abschreckende Wirkung und hofft damit auf weitergehende Veränderungen. So, wie das im Bau- und Fleischsektor schon gelungen ist. Der Weg des Ministers ist richtig. Wer die Arbeit auslagert, muss auch dafür geradestehen. Das schützt zugleich die ehrlichen und fair agierenden Unternehmen. Und die Branche insgesamt könnte dann endlich begreifen, dass sie die Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeiter verbessern und Missstände auch selbst beseitigen muss – schon jetzt sucht sie ja händeringend nach neuen Boten. Und findet keine.



Den Verbraucher kann man aber nicht aus seiner Verantwortung entlassen. Wer im Internet bestellt, und sei es nur sein Essen bei einem Lieferdienst, muss wissen: Noch sind es keine Drohnen, die die Auslieferung übernehmen. Es sind Menschen, die zunehmend zum Arbeitsprekariat gehören. Zusteller würden besser entlohnt, wenn Konsumenten anerkennen, dass ihre Leistung geschätzt werden muss. Denn sie ersparen einem die Zeit, sich selbst auf den Weg ins nächste Geschäft zu machen. Dieser Komfort muss jedem auch etwas wert sein. Höhere Löhne rechtfertigen somit unter Umständen auch höhere Preise. Damit das Geld freilich tatsächlich bei den Paketzustellern ankommt, braucht es Gewerkschaften, die das durchsetzen. Und eine Politik, die dies mit konsequenten Regeln flankiert.