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Meinung
Die Kirche muss ihren Kritikern dankbar sein

Die katholische Kirche kann es drehen und wenden, wie sie will: Sie wird das Thema Missbrauch nicht los. Seit neun Jahren wird nun auch in Deutschland über die jahrzehntelangen Übergriffe und Vergewaltigungen durch Priester und Ordensleute diskutiert, und immer wieder kommen neue erschreckende Details und Zahlen ans Licht. Von Rolf Seydewitz

Die im vergangenen Herbst veröffentlichte Missbrauchsstudie ist dafür nur ein Beispiel. Es gibt Dutzende weitere wissenschaftliche Publikationen zum Thema, auch wenn natürlich längst nicht alle derart im medialen Fokus stehen wie die von der Bischofskonferenz selbst in Auftrag gegebene sogenannte MHG- Studie.

Einige Erkenntnisse daraus – etwa die Zahl der Opfer und Täter – werden in der Öffentlichkeit immer wieder thematisiert, andere bislang eher weniger. Darauf hat der Ulmer Wissenschaftler Jörg Fegert am Dienstag in Trier aufmerksam gemacht und gleich ein Beispiel dafür genannt.

Es geht um den zeitlichen Abstand zwischen der ersten Missbrauchstat und der Einleitung eines kirchen- oder strafrechtlichen Verfahrens. Dabei vergingen im Durchschnitt  13 bis 22 Jahre. Das ist mehr als skandalös, vor allem vor dem Hintergrund, dass in vielen Fällen die Täter weder strafrechtlich noch kirchenrechtlich zur Rechenschaft gezogen worden sind.



Auch das ist ein Ergebnis der Studie: Beschuldigte Priester wurden häufiger versetzt als Geistliche, die nicht durch Missbrauchsvorwürfe aufgefallen sind.

Beispiele für diese Praxis gibt es auch im Bistum Trier. Die Frage ist: Wer hat die Versetzungen angeordnet, wer hat sie gedeckt?  Müssen – neben den eigentlichen Tätern – nicht auch diese Mitverantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden? Die Debatte darüber scheint gerade erst in Gang zu kommen. Sie wird neue Wunden aufreißen und die Kirche einmal mehr in Erklärungsnot bringen.

Aber zu einer echten Aufklärungsarbeit gehört, dass alles auf den Tisch muss. So ist etwa auch eine Antwort auf die Frage noch offen, ob es in Frauenklöstern ähnliche Vorfälle gab wie in den männlich dominierten Einrichtungen der katholischen Kirche.

Das Thema wird am Köcheln bleiben, auch weil die Opfervereinigungen bei ihrer Forderung bleiben werden, dass nur öffentlicher Druck die Kirche zur Wahrheit führen werde, wie es etwa der Trierer Verband Missbit ausdrückt. Ähnlich formuliert es auch ein eher zurückhaltender und nicht um Aufmerksamkeit heischender Wissenschaftler wie der Ulmer Experte Fegert. „Alle acht Jahre erschrickt die katholische Kirche“, formulierte Fegert seine Kritik am Dienstag in Trier. Und die restliche Zeit?, fragt sich da natürlich jeder Zuhörer.

Die Kirche muss gerade ihren Kritikern dankbar sein, so schwierig dies auch manchmal sein mag. Ohne die manchmal sehr schmerzhaften und auch polemischen Anstöße von außen wäre die Aufarbeitung des Themas Missbrauch lange nicht dort, wo sie jetzt ist.