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Umfragewerte des Präsidenten steigen
Das Comeback Macrons – eine Lehre für Demokraten

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KK_Krohn_Knut.jpg FOTO: SZ / Lorenz Robby
Emmanuel Macron ist in seinem Element. Die Ärmel hochgekrempelt, diskutiert der französische Präsident seit Wochen in Turnhallen und Auktionssälen in der Provinz mit Lokalpolitikern und Bürgern. Von Knut Krohn

Er gibt jedem Einzelnen das gute Gefühl, gehört und verstanden zu werden. In der Grand Débat, die am Ende dieser Woche zu Ende geht,  zeigt Macron, weshalb er ohne Unterstützung der etablierten Parteien zum Staatschef gewählt worden ist: Dieser Mann ist ein Menschenfischer.

Dabei war Macron von vielen längst abgeschrieben worden. Der Aufstand der Gelbwesten hatte den Präsidenten und seine Regierung in eine tiefe Krise gestürzt. Ausgelöst durch die Erhöhung der Benzinpreise gingen anfangs Hundertausende auf die Straße. Das Ende der Regentschaft Macrons schien eine Frage der Zeit.

Doch der Präsident nahm den Kampf auf. Sein Motto: „Ihr wollt reden – also reden wir!“ Es war die Geburtsstunde der „Grand Débat“, der großen Diskussion, wie die Franzosen sich die Politik des Landes vorstellen und welche Reformen sie fordern. Viele tausende Veranstaltungen haben im ganzen Land seitdem stattgefunden, die wichtigen werden über Stunden live im Fernsehen übertragen. Mal kommen ein paar Dutzend Menschen zusammen, mal ein paar Hundert.



Dass die demonstrierenden Gelbwesten das Gesprächsangbot Macrons nicht angenommen haben, hat ihn nicht zurückgehalten, den Weg des Dialogs konsequent weiter zu gehen. Denn er hat erkannt: Die Proteste sind nur die Spitze eines Eisberges. Es sind sehr viele Menschen auf die Straße gegangen, doch wesentlich mehr Unzufriedene sind zu Hause geblieben – mit der geballten Faust in der Tasche. Diese Mehrheit hätte Macron spätestens an der Wahlurne abgestraft und ihre Stimme bei der Europawahl im Mai sehr wahrscheinlich der rechtsextremen Marion Le Pen und ihrem Rassemblement National gegeben. In den Umfragen liegt der Präsident nun wieder knapp vorne.

Zwar kann noch niemand erklären, was mit den Abertausenden von Vorschlägen aus der großen Debatte am Ende passieren soll. Macron muss noch zeigen, dass er mehr ist als ein Präsident der schönen Worte und große Reformversprechen an sein Volk auch wirklich einlösen kann.

Aber bislang kann das Vorgehen des Präsidenten den demokratischen Kräften in ganz Europa eine Lehre sein. In den Augen vieler Wähler gelten die Politiker als weltfremd und abgehoben. In Deutschland ist oft spöttisch von der „Berliner Blase“ die Rede. Das Beispiel Macron zeigt, dass die Politiker vor allem das Gespräch mit den Leuten suchen müssen, die nicht ihrer Meinung sind. Es bringt wenig, die Ortsverbände der eigenen Partei abzuklappern. Die Politik muss Formen finden, wie der Meinungsaustausch reibungsloser und offener funktioniert. Auf der anderen Seite hat auch das Volk eine Bringschuld. Demokratie heißt, sich zu beteiligen und eigene Ideen einzubringen. Die Wut der Bürger muss zu einem konstruktiven Miteinander werden. Alles andere gefährdet die Demokratie.