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Leitartikel
Kramp-Karrenbauer hat nicht viel Zeit

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Zur Wahrheit des in Hamburg viel bejubelten Aufbruchs der CDU in eine neue Zeit gehört auch: Der erste Schwung könnte schon wieder verpufft sein. Aus zwei Gründen. Von Hagen Strauss

Zum einen haben sich viele Delegierte auf dem Parteitag erhofft, dass der Wiedereinsteiger Friedrich Merz trotz seiner Wahlniederlage der Union an vorderster Stelle erhalten bleibt. Die Hoffnung hat Merz in der ihm üblichen Art mal eben platzen lassen. Auch wenn darüber das letzte Wort noch nicht gesprochen sein soll, das war kein feiner Zug des Sauerländers. Denn damit hat Merz es der neuen Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer noch schwerer gemacht, die tiefen Gräben innerhalb der Partei zuzuschütten. Oder anders: Merz hat übel nachgetreten. Jens Spahn, der Dritte im Bunde, übrigens nicht.

Auf der anderen Seite hat AKK mit der Wahl ihres Generalsekretärs Paul Ziemiak kein glückliches Händchen bewiesen. Zwar ist an ihrem Argument etwas dran, dass es darum gehen muss, nach dem aufreibenden Wahlkampf der drei Kandidaten auch die anderen Lager einzubinden. Und Ziemiak ist jung; er hat bewiesen, dass er eine Parteigliederung wie die Junge Union schlagkräftig führen kann. Aber es ist eben immer noch eine ganz andere Hausnummer, gleich einer ganzen Partei sowohl programmatisch als auch organisatorisch den Weg zu weisen. Viel schwerer wiegt allerdings, dass Ziemiaks Wechsel ins AKK-Team für viele Delegierte einem Verrat gleichgekommen ist. Das Wort fiel auf dem Parteitag öfter. Falsches Spiel wird dem neuen Generalsekretär unterstellt. Er wird seine liebe Mühe haben, diesen Eindruck in den nächsten Wochen und Monaten zu zerstreuen. Kramp-Karrenbauer wusste darum, und sie hat sich trotzdem für Ziemiak entschieden. Das war mutig. Sein extrem miserables Wahlergebnis ist dennoch der erste saftige Denkzettel für die neue Vorsitzende. Nach gerade mal einem Tag im Amt.

Dass die Unionsdelegierten keine Rücksicht auf die frisch gewählte Chefin genommen haben, zeigt, wie selbstbewusst die Union in den letzten Monaten geworden ist. Dank des innerparteilichen Wettbewerbs um die Merkel-Nachfolge, dank der großen Sehnsucht nach neuer Stärke durch Veränderung an der Parteispitze. Ein schnöder Wahlverein, der nur abnickt, ist die CDU nicht mehr. Der Druck auf Kramp-Karrenbauer ist dadurch noch einmal größer geworden, schnell Ergebnisse zu liefern, um das Profil der Partei im Wettstreit mit der AfD auf der einen und den Grünen auf der anderen Seite erfolgreich zu schärfen. Das wiederum wird zulasten der großen Koalition gehen. Schwarz-roter Ärger ist absehbar.



Viel Zeit hat AKK nicht. Aktuell wird die neue CDU-Chefin weitgehend von Begeisterung und Wohlwollen getragen. Im nächsten Jahr stehen aber bereits wichtige Urnengänge an, die Europawahl und mehrere Landtagswahlen im Osten. Bis dahin muss Kramp-Karrenbauer beweisen, dass die Union mit ihr an der Spitze tatsächlich den richtigen Weg in eine neue Zeit eingeschlagen hat. Einfach wird das ganz bestimmt nicht.