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Warum Markus Söder irrt
Heimat lässt sich nicht wie ein Kreuz festnageln

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Nichts gegen identitätsstiftende Symbole. Die Marienfiguren in Polen oder die Wegkreuze in Teilen Deutschlands gehören zum Landschaftsbild. Der Martins-Umzug (nicht das Lichterfest) gehört zum Herbst in vielen Regionen, der Weihnachtsmarkt (nicht der Wintermarkt) zur Adventszeit. Von Werner Kolhoff

Identitäten, auch religiöse, sind Heimat.

Das Problem ist, dass diese Heimat sich verändert, sich schon immer verändert hat. So wie es jetzt ist, existiert es erst seit ein paar hundert Jahren und wird es wahrscheinlich in einigen Jahrzehnten schon nicht mehr sein. Die Globalisierung, die Vermischung von Völkern und Kulturen sowie die zunehmende Säkularisierung sind die treibenden Motoren. Weltweit. Auch Bayern ist davon nicht verschont, im Gegenteil. Technologisch ist das Land Vorreiter und hat zum Beispiel bei der Gentechnik nur wenig moralische Skrupel, in Gottes Schöpfung einzugreifen. Zwar sind noch 75 Prozent der Bayern christlichen Glaubens, 55 Prozent katholisch. Aber nur fünf Prozent gehen regelmäßig sonntags zur Kirche. Und in einer Umfrage gaben vor einigen Jahren nur 25 Prozent der jungen Leute an, dass ihnen der Glaube wichtig sei. Über 50 Prozent nannten hingegen Genuss und Luxus. An Pfingsten und Fronleichnam war auch im Freistaat schwer was los – aber vor allem in den Biergärten.

Weltweit gibt es Versuche, die Zeit zugunsten der Religionen anzuhalten, mit unterschiedlichen Methoden. Mal mit Gewalt wie in vielen muslimischen Ländern. Mal, wie in Polen oder so wie jetzt in Bayern, mit sanfteren Mitteln. Aber ebenfalls unter Missbrauch staatlicher Institutionen. Die CSU kann allerdings im Unterschied zu muslimischen Religionswächtern und polnischen Konservativen von sich nicht behaupten, dass es bei ihr irgendeine nennenswerte Basisbewegung gebe, die dringend gefordert hätte, in allen Ämtern sofort religiöse Symbole aufzuhängen. Volkes Wille war das nicht. Sondern allein der des Markus Söder.



Dabei ist der neue bayerische Ministerpräsident gar nicht sonderlich glaubensbeseelt. Er ist nur beseelt von der Vorstellung, dass diese Aktion ein paar Prozentpunkte bringen könnte bei der Landtagswahl des Freistaates im Oktober dieses Jahres. Die CSU will betonen, wie christlich sie ist und so Stammwähler an sich binden. Darum geht es bei Söders Kreuz-Vorstoß. Die ganze bayerische Staatsaktion ist wenig missionarisch motiviert und richtet sich schon gar nicht gegen andere Glaubensgemeinschaften. Sie ist vielmehr der Versuch, das Kreuz als ideelles Wahlkampflogo der Christsozialen zu instrumentalisieren. Das ist ziemlich durchsichtig.

Ohnehin lässt Heimat sich nicht festnageln, wahre Identität sich nicht verordnen. Ein Kreuz, das nicht angebetet und dessen Lehre nicht im Alltag gelebt wird, ist nur ein Gegenstand, der über der Tür hängt. Von diesen Gegenständen gibt es in Bayern nun ein paar mehr. Die CSU-Aktion ist kein Kulturkampf, eher eine Farce. Auch die Kritiker sollten daher mal die Kirche im Dorf lassen.