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Delegierte wählen neuen Parteichef
CDU-Entscheidungsprozess ist aus der Zeit gefallen

 Werner Kolhoff
Werner Kolhoff FOTO: SZ / Robby Lorenz
Das Bewerberfeld steht: Friedrich Merz, Armin Laschet, Norbert Röttgen. Die CDU hat die Qual der Wahl. Die ganze CDU? Nein, nur 1001 Delegierte. Am 25. April 2020 in Berlin. Nach welchen Kriterien werden sie entscheiden? Von Werner Kolhoff

Wer von den Dreien bei dem Parteitag die beste Vorstellungsrede hält? Wer die meisten Saalklatscher erzeugt? Wen die Meinungsforscher für den Chancenreichsten halten? Oder einige so genannte Leitmedien? Kritische Nachfragen, gar Konfrontationen mit unangenehmen Fakten, sind auf Parteitagen bei Personalentscheidungen nicht vorgesehen. Immerhin, nach Landsmannschaft geht es diesmal nicht. Alle Drei kommen aus Nordrhein- Westfalen.

Man muss es ja nicht übertreiben wie die SPD, die fast vier Monate, 23 Regionalkonferenzen, zwei Mitgliederentscheide und einen Bundesparteitag brauchte, um ihr Vorsitzenden-Duo zu finden. Aber die Mitglieder gar nicht zu beteiligen, wie es die CDU jetzt offenbar vorhat, das ist aus der Zeit gefallen. Das ist nicht moderne Volkspartei. Zumal über echte Alternativen zu entscheiden ist.

Die 1001 Delegierten brauchen dafür schlichtweg mehr Informationen, Argumente und vor allem direkte Eindrücke. Die ganze Partei braucht das. Schon zur Motivation, um für den neuen Vorsitzenden in den Wahlkampf zu ziehen, ist es notwendig, ihn auch mal persönlich erlebt zu haben. Die Kandidaten brauchen den Basiskontakt übrigens ebenfalls. Um zu spüren, wo sie Rückhalt haben und wo nicht. Und mit welchen Themen.



Bisher ist bloß geplant, die Mitglieder über die Kandidaturen zu informieren. Was soll das sein? Eine E-Mail mit Lebenslauf? Das kann jeder googeln. Die CDU täte gut daran, vier große Regionalkonferenzen durchzuführen, in Nord, Ost, Süd und West. Dazu vier moderierte Themenkonferenzen, zu Wirtschaft und Umwelt, zu Soziales und Familien, zu Inneres und Migration, zu Außenpolitik und Verteidigung. Damit sie nicht die Katze im Sack kauft. Und auch nicht die, die sich am schönsten gemacht hat.

Wie zum Beispiel kommt Armin Laschet außerhalb von Nordrhein-Westfalen an? Was will er anders machen als Merkel? Hat Friedrich Merz auch in der Sozial- und Umweltpolitik etwas drauf? Würde er mit den Grünen regieren? Was antwortet Norbert Röttgen auf Fragen zu seinem Verhalten nach seiner Wahlniederlage 2012 in Nordrhein-Westfalen? Kann er mehr als Außenpolitik? Und so weiter. Klar wird es jetzt jede Menge Interviews mit den Bewerbern geben, auch öffentliche Auftritte, wo sie wohlformulierte Reden halten. Das sind jedoch alles kontrollierte Situationen und sie ersetzen nicht eine offene und kritische Debatte. Es geht hier nicht um den Vorsitz eines Vereins, es geht um die Chefposition in der größten Volkspartei, die gute Chancen hat, wieder den nächsten Kanzler zu stellen. Außerdem sind mit der Auswahl inhaltliche Richtungsentscheidungen verbunden. Wann, wenn nicht jetzt, will man die Mitglieder beteiligen, wo, wenn nicht hier?