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Leitartikel
Afrika lässt sich von Berlin aus nicht mehr übersehen

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Wenn ein außenpolitisches Grundsatzpapier wie die Afrika-Strategie der Bundesregierung bereits nach fünf Jahren neu formuliert werden muss, dann ist etwas Gravierendes passiert. Das ist zum einen die Migrationskrise. Von Werner Kolhoff

Sie hat schlaglichtartig gezeigt, wie unmittelbar sich negative Entwicklungen auf dem Nachbarkontinent auf die hiesigen Gesellschaften auswirken. Das andere ist das chinesische Investment in Afrika. Die Konkurrenz schläft nicht, wenn man ihr das Feld überlässt. Dass China am Wohl und Wehe der afrikanischen Staaten oder an einer Eindämmung der Flüchtlingsströme gelegen ist, kann man wahrlich nicht sagen. Sondern nur an der Sicherung von Rohstoffen, am liebsten gemeinsam mit örtlichen Diktatoren. Es wurde also höchste Zeit, sich stärker zu kümmern. Und dafür ein Konzept zu formulieren, das länger hält als fünf Jahre.

Der gewählte Ansatz unterscheidet sich wohltuend von dem Pekings. Er setzt auf Kooperation statt auf Ausbeutung, auf Respekt statt auf Bevormundung. Er enthält sogar ein Bekenntnis zur Aufarbeitung des kolonialen Erbes. Man will stark mit der Zivilgesellschaft kooperieren, nicht nur mit Regierungen. Also mit den vielen jungen Menschen, die vorankommen wollen und wirtschaftlich ini­tiativ sind. Das ist nicht mehr Brunnen bauen wie früher. Und nicht Häfen und Eisenbahnstrecken errichten, wie es heute die Chinesen machen. Sondern das ist die Förderung kleiner Unternehmen, lokaler Finanzinstitutionen, der Bildung und guter Regierungsführung.

In Afrika ist die Bereitschaft zum Multilateralismus, der weltweit derzeit unter die Räder kommt, noch groß. Dafür steht die Afrikanische Union. Es fehlt auf dem Kontinent an großen, destruktiven Konkurrenzen, wie sie Asien mit China und Indien hat oder Europa mit der EU und Russland. Das kann bei der Konfliktregulierung helfen, aber auch bei der Bildung eines einheitlichen Wirtschaftsraumes. Das Konzept baut ausdrück­lich darauf. Für die Glaubwürdigkeit dieser Herangehensweise wäre es freilich hilfreich, wenn Deutschland in der EU dafür sorgen würde, dass europäische Trawler nicht mehr die Fanggründe vor Westafrika leer fischen, dass die dortigen Agrarmärkte nicht mehr mit Billig-Geflügel von hier geschwemmt werden, und dass die massiven Waffenexporte – etwa nach Algerien – aufhören.



Die Zahl der Afrikaner wird sich bis 2050 auf zwei Milliarden verdoppeln, vier Mal so viele wie es Europäer gibt. Die Armut auf dem Kontinent wird wachsen. Auf der anderen Seite steht die große Sehnsucht nach Entwicklung, wie man sie zum Beispiel aktuell in Äthiopien sehen kann. Und in vielen der 54 afrikanischen Staaten wächst eine Mittelschicht. Das lässt hoffen. Afrika ist die größte globalpolitische Herausforderung, die es für Europa gibt. Ein Staat allein kann da gar nichts bewirken. Die Anwesenheit des französischen Außenministers gestern im Bundeskabinett zeigt, dass immerhin Berlin und Paris verstanden haben, worum es geht. Wenigstens auf dem Papier.