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Kopftuch-Debatte
Eine Frau mit Kopftuch behindert sich selbst

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Das Kopftuch bereitet Kopfzerbrechen. Die vielen Debatten über Jahrzehnte lassen sich nicht, wie so oft, wenn es um Migration geht, mit einfachen Lösungen abwürgen. Von Fatima Abbas

Die unterschiedlichen Regelungen je nach Bundesland und das Tauziehen vor diversen Gerichten zeigen, dass hier Welten aufeinanderprallen. Es geht um grundsätzliche Fragen: Muss sich eine aufgeklärte Gesellschaft vor dem Kopftuch schützen? Wie freiwillig kann ein von Tradition und Religion auferlegter Schleier sein? Dürfen wir gesellschaftlichen Fortschritt auf dem Altar der Religionsfreiheit opfern?

Eine Frau mit Kopftuch behindert sich selbst. Der Schleier zementiert die Schutzbedürftigkeit und die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann. Weil der Mann sich nicht im Griff hat, muss sie ihre Reize verhüllen. Wie wollen wir als Frauen gesellschaftlich vorankommen, wenn wir uns selbst zu einem Objekt männlicher Begierde degradieren und unsere Entfaltungsmöglichkeiten unter Tüchern ersticken?

Allzu schnell kommt der Einwand: „Aber was ist, wenn die Frau es freiwillig trägt?“ Es mag sein, dass viele Trägerinnen sich das einreden. Wenn man genauer hinsieht – was glücklicherweise immer mal wieder geschieht – kommt man nicht umhin, diese Freiwilligkeit in Frage zu stellen. Siehe Kinderkopftuch. Kann etwa eine Siebenjährige frei entscheiden, ob es gut für sie ist, einen Schleier zu tragen? Wenn Eltern ihrer Tochter im vorpubertären Alter suggerieren, ihre Haarpracht sei Sünde, um dann später zu behaupten, es sei alles „freiwillig“ gewesen, dann sollte auch der Staat genauer hinsehen dürfen. Das Schwierige daran: Nicht immer werden die Mädchen genötigt, das Kopftuch zu tragen. Meist sind es subtile Botschaften und Einflüsse aus dem Umfeld, die die Überzeugung, ein Kopftuch sei besser, erst reifen lassen. Sie prägen auch das Selbstverständnis als Frau und das Verhältnis zum anderen Geschlecht.



Das Kopftuch ist nicht mit einer Kreuzkette oder Kippa gleichzusetzen. Denn Frauen können sich in der Regel nicht aussuchen, wann und wo sie es tragen. Oft noch nicht einmal wie. Ist ein fremder Mann in der Nähe, muss die Hülle drauf. Vielen konservativen Eltern geht es dabei oft nicht schnell genug. Das Mädchen könnte ja jederzeit die „Familienehre beschmutzen“. Wollen Eltern dem vorbeugen, müssen sie es so schnell wie möglich unter die Haube bringen. Es gibt kaum Frauen, die den Mut aufbringen – vor allem auch durch den gesellschaftlichen Druck – das Kopftuch nach Jahren wieder abzulegen. Der Staat sollte helfen, dieser Selbstbeschränkung vorzubeugen.

Dazu gehört auch, dass ein Kopftuch im Schuldienst nichts zu suchen hat. Die Schule sollte ein Gegengewicht zu religiöser Einflussnahme darstellen. Und zwar jeglicher Art. Deshalb ist der Weg des Totalverbots religiöser Symbole im öffentlichen Dienst, wie ihn Berlin beschreitet, ein guter Weg. Der Schutz von Minderjährigen und das Interesse an einer fortschrittlichen Gesellschaft sollten immer Vorrang haben vor dem Totschlagargument der Religionsfreiheit.