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„Wir sind enttäuscht vom Saarland“

Nach Ansicht von Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) erleben Bürger Europa noch nicht konkret genug. Das will der Trierer Rathauschef nun durch Vorstöße ändern. Foto: Friedemann Vetter
Nach Ansicht von Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) erleben Bürger Europa noch nicht konkret genug. Das will der Trierer Rathauschef nun durch Vorstöße ändern. Foto: Friedemann Vetter FOTO: Friedemann Vetter
Seit einem Jahr ist der Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) im Amt. Mit Merkur -Mitarbeiterin Ute Klockner sprach der Sozialdemokrat über Europa, die Zukunft der Großregion, Probleme mit der Bahn sowie fehlende Unterstützung durch die saarländische Landesregierung. Besonders sauer stößt ihm die Abwerbung der ADAC-Rallye durch das Saarland auf. Ute Kirch

Herr Oberbürgermeister, Ihr Vorgänger, Klaus Jensen, sagte bei Ihrer Vereidigung, es werde zu Ihren Herausforderungen gehören, "das große Projekt Europa", das sich "auf dünnem Eis" bewege, wieder zu festigen. Welche Anstrengungen unternehmen Sie?

Leibe: Ich glaube, dass wir hier in der Region eine besondere Verantwortung für Europa haben. Die Bürgerinnen und Bürger erleben Europa nicht konkret genug. Über die offenen Grenzen zu fahren, ist für viele selbstverständlich. Wir müssen also konkret zeigen, dass es einen Mehrwert gibt. Das tun wir etwa durch die gemeinsame Bewerbung mit Metz um Etappen der Tour de France. Aber wir lernen auch von Metz: Dort gibt es ein System zum elektronischen Bezahlen im öffentlichen Nahverkehr, das uns sehr interessiert. Oder die Zusammenarbeit im IT-Bereich. Hier wollen wir unsere Start-ups bei einem Businesslunch zusammenbringen. In Belgien haben wir uns über die Möglichkeit eines gemeinsamen, grenzüberschreitenden Energienetzes ausgetauscht. Die deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens, Luxemburg und unsere Region können auf Augenhöhe Dinge vereinbaren. Hervorragend klappt auch der Austausch mit der Stadt Saarbrücken. Allerdings fehlt uns die Unterstützung der saarländischen Landesregierung . . .

Inwiefern?

Leibe: Es wäre gut, wenn Trier zu den Spitzengesprächen im Saarland mit der Bahn eingeladen würde, da wir in der Region mitbetroffen sind. Es wäre daher hilfreich, wenn das Saarland hier ein offenes Ohr für die Anliegen der Quattropole hätte und auch mal mit uns über ihr überregionales Verkehrskonzept redet. Wir sind auch enttäuscht über das aktive Abwerben der ADAC Rallye durch das Saarland. Das Saarland ist hier wie der reiche Onkel aufgetreten und hat offensichtlich einen großen Scheck auf den Tisch gelegt. Mit uns wurde nicht gesprochen. Ich hätte mir vorstellen können, dass wir uns die Rallye teilen. Der ADAC Mittelrhein hat vom ADAC 100 000 Euro mehr für die Ausrichtung der Rallye gefordert, weil die Sicherheitsauflagen gestiegen sind. Das war dem ADAC zu teuer. Offenbar kriegt er Sicherheit im Saarland billiger. Da drängt sich die Frage auf: Wird an der Sicherheit gespart? Gleichzeitig wird erheblich an der Saar-Uni gespart und sogar der Botanische Garten geschlossen. Ich staune darüber, wie im Saarland Prioritäten gesetzt werden!

Wird durch die neue französische Region Alca (Elsass-Lothringen-Champagne-Ardenne) die Großregion für den Bürger zu abstrakt?

Leibe: Die Gefahr besteht. Wenn jetzt aus Metz noch mehr Regionalstrukturen nach Straßburg gehen, haben wir ein Problem. Die Identifikation der Bürger mit einem Gebiet, das von den Ardennen bis zum Elsass reicht, wird leiden. Aber ein wirtschaftlich starkes Elsass stärkt auch die Großregion.

Was kann die Großregion von anderen Grenzregionen lernen?

Leibe: Vor acht Jahren haben die Region Aachen, die deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens und die Niederlande ein Modell zur gegenseitigen Anerkennung von Berufsabschlüssen vorgelegt. Daran orientiert sich die Großregion und hat eine Rahmenvereinbarung ausgearbeitet. Deutsche Pflegekräfte, die in Luxemburg arbeiten, müssen dort als Hilfspflegekräfte beschäftigt werden, weil ihr Abschluss nicht anerkannt wird. Das geht gar nicht!

Zum Thema:

Zur PersonWolfram Leibe (SPD , Jahrgang 1960) studierte Jura in Freiburg und arbeitete zehn Jahre beim Landesarbeitsamt in Baden-Württemburg. Seine Funktionen bei der Agentur für Arbeit führten ihn von 2002 bis 2012 als Geschäftsführer nach Pirmasens, Freiburg und schließlich nach Trier. Seit dem 1. April 2015 ist der Sozialdemokrat Oberbürgermeister von Trier. Leibe ist verheiratet und hat eine Tochter. ukl