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Diskussion in Rheinland-Pfalz
Wie viele Rettungshubschrauber braucht das Land?

Mainz. Rettungshubschrauber sind gefragt, wenn es ernst ist – nach schweren Unfällen und bei akuten Erkrankungen. Sie können über Leben und Tod entscheiden. Doch die Flüge sind teuer und sorgen bisweilen für Streit. dpa

(dpa) Bei Schlaganfall, Herzinfarkt oder einem schweren Unfall kann jede Minute zählen, um Menschenleben zu retten. In einem Flächenland wie Rheinland-Pfalz mit entlegenen Ecken wie Eifel, Pfälzerwald oder Hunsrück sind schnelle Transportmittel immens wichtig – wie Rettungshubschrauber. Die im Land stationierten Exemplare sind nur bis Sonnenuntergang unterwegs, später muss im Notfall Hilfe von jenseits der Landesgrenze angefordert werden. Die Meinungen darüber, wie viele Maschinen es zwischen Westerwald und Pfalz braucht, gehen auseinander – gerade in Zeiten, in denen manch kleines Krankenhaus vor Problemen steht und sich Wege in Notaufnahmen verlängern können.

Vier Rettungshubschrauber gibt es aktuell in Rheinland-Pfalz – in Wittlich, Mainz, Ludwigshafen und Koblenz. Sie alle werden von der gemeinnützigen ADAC Luftrettung gestellt, in Koblenz gibt es eine zivil-militärische Zusammenarbeit mit der Bundeswehr. Hinzu kommen vergleichsweise grenznahe Stationen in Saarbrücken, Luxemburg, dem nordrhein-westfälischen Siegen, in Frankfurt oder Mannheim. Demnächst könnte eine Station in der Westpfalz dazu kommen.

Aufgabenträger in Sachen Luftrettung in Rheinland-Pfalz ist das Innenministerium. Es legt das Anforderungsprofil für jeden Standort fest, das der nach einer Ausschreibung ausgewählte Betreiber erfüllen muss. Hierzulande erstreckt sich die Einsatzbereitschaft aller vier Maschinen auf die Zeit von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, wie Jochen Oesterle, ADAC-Sprecher für die Luftrettung erklärt. Der Nachtbetrieb wäre technisch machbar, wenn auch aufwendiger. Dann braucht es neben Notarzt, Notfallsanitäter und Pilot noch einen zweiten Piloten sowie Nachtsichtbrillen.



„Hinzu kommt nachts eine aufwendigere Arbeit vor dem eigentlichen Flug“, erläutert Günther Lohre, Geschäftsführer der Johanniter Luftrettung. „Ein Nachtflug braucht eine ganz andere Vorbereitung.“ Es müsse noch genauer auf Begebenheiten am Einsatzort wie etwa die Lichtverhältnisse oder Stromleitungen auf dem Weg geachtet werden. Das Innenministerium rechnet vor, dass die Vorlaufzeit für einen Flug in der Nacht nicht bei zwei bis drei, sondern über 15 Minuten liegt. So verliere der Rettungshubschrauber in der Nacht seinen Zeitvorteil.

Das gilt vor allem für Primäreinsätze, wenn Retter zu einem Unfall auf einer Landstraße oder einem Patienten irgendwo in einem Wohngebiet müssen. „Das ist etwas ganz anderes, als auf einem gut beleuchteten Klinik-Landeplatz zu landen“, sagt Oesterle. Letzteres ist Standard bei sogenannten Sekundäreinsätzen, bei denen es in der Regel um die Verlegung von Patienten von einer in eine andere Klinik geht.

Sekundäreinsätze waren kürzlich im Fokus beim Thema Schlaganfall. Kliniken können von Krankenkassen höhere Behandlungssätze verlangen, wenn sie bei Patienten eine Transportzeit von 30 Minuten zur nächsten auf diese Behandlung spezialisierten Klinikabteilung gewährleisten können. Das kann mancherorts mit einem Rettungswagen ziemlich eng werden.

Nichtsdestotrotz betont das Innenministerium, dass sowohl Rettungs- als auch Intensivtransporthubschrauber nur ein ergänzendes Angebot seien und „bodengebundene Rettungsmittel“ wie Rettungs- und Notarztwagen nicht ersetzen könnten. Das betonte Innenminister Roger Lewentz (SPD) laut Sprechvermerk im Januar im Landtags-Innenausschuss. Die Maschinen könnten nicht bei jedem Wetter abheben und nicht jeden Einsatzort unmittelbar erreichen. Auch seien sie nicht für alle Patienten geeignet, da sie für eine Reaktion auf Veränderungen des Gesundheitszustandes nur wenig Platz böten.

Mit Blick auf Notfälle in der Nacht verweist das Innenministerium auf eine Kooperationsvereinbarung mit Hessen. Demnach können nachts zwei Maschinen der Johanniter-Luftrettung angefordert werden – und zwar die Intensivtransporthubschrauber „Christoph Mittelhessen“ aus Reichelsheim in der Wetterau sowie „Christoph Gießen“. „Diese Kooperation wird auch in der Realität gelebt“, teilt das Ministerium mit. Im Jahr 2017 waren es zwischen 21 und 5 Uhr 28 Einsätze – bei rund 8700 Einsätzen im ganzen Jahr. Nichtsdestotrotz werde über die Verlängerung der Einsatzzeit von „Christoph 77“ in Mainz nachgedacht, es liefen Gespräche mit den Kostenträgern, den Krankenkassen.

Der Landesvertretungsleiter der Techniker Krankenkasse (TK), Jörn Simon, sagt: „Es ist anzunehmen, dass angesichts demografischer und medizinischer Entwicklungen die Bedeutung von Rettungshubschraubern sogar noch zunehmen wird.“ Klar ist, bei Flügen geht es um gehörige Kosten. Die TK spricht von rund 60 Euro pro Flugminute tagsüber. Lohre von den Johannitern nennt einen ähnlichen Betrag. In anderen Ländern wie Nordrhein-Westfalen würden mancherorts gar über 100 Euro fällig. Die ADAC Luftrettung nennt Durchschnittskosten zwischen 1000 und 1500 Euro für den Einsatz eines Rettungshubschraubers in Deutschland. Mal seien es einige hundert Euro teure Kurzeinsätze, mal längere und mehrere tausend Euro teure Flüge in ländliche Regionen.

In der Westpfalz wird aktuell gerade geprüft, ob Bedarf für einen weiteren Rettungshubschrauber besteht. In Sembach (Kreis Kaiserslautern) steht seit Oktober 2018 eine Johannniter-Maschine, die aber nicht Teil der offiziellen Rettungshubschrauber-Flotte ist, für die also keine Auftragsvergabe des Innenministeriums vorliegt. Deren Grundlage ist eine Vereinbarung mit dem Westpfalz-Klinikum für Patiententransporte innerhalb des Krankenhausverbundes.

In der Realität fliege der Hubschrauber auch Primäreinsätze, sagt Lohre von den Johannitern – seit Oktober rund 300 Primäreinsätze. Das Spektrum reiche vom Schädel-Hirn-Trauma bis zum Herzinfarkt. „Erklären Sie mir, dass da kein Bedarf ist“, sagt er. Es habe Streit mit Krankenkassen zu Abrechnungen gegeben, weil es kein offizieller Rettungshubschrauber sei. Dabei werde dank der Johanniter-Maschine Geld gespart. Es brauche weniger Flugminuten, sprich weniger Kosten, als wenn ein entfernter stationierter Hubschrauber kommen müsse.

Vertreter des Innenministeriums, der Kreise Kaiserslautern, Kusel sowie des Donnersbergkreises und der Krankenkassen setzten sich im November zusammen und beschlossen, dass ein Gutachter den Bedarf für die Westpfalz und das Saarland neu analisiert – mit Blick auf Primär- und Sekundäreinsätze. Wenn die Analyse einen Bedarf zeige, folge die Ausschreibung, heißt es im Ministerium. Noch gilt eine Übergangsregelung zum Einsatz der Johanniter-Maschine bis Ende April. Wie es dann weitergehe, sei noch unklar, sagt Lohre.