| 20:45 Uhr

Ärztemangel auf dem Land
Medizin studieren ohne Einser-Abitur

 Gefragte Fachleute: Landärzte, wie hier Roman Staudinger, werden bundesweit gebraucht. In Rheinland-Pfalz sucht das Land nach Lösungen.
Gefragte Fachleute: Landärzte, wie hier Roman Staudinger, werden bundesweit gebraucht. In Rheinland-Pfalz sucht das Land nach Lösungen. FOTO: dpa / Armin Weigel
Mainz. Junge Menschen können sich dem Land ab dem Wintersemester 2020/21 verpflichten, als Arzt in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Von Florian Schlecht

Wer aus Dörfern in der Westpfalz, der Eifel oder dem Hunsrück zum Hausarzt fährt, muss oft mit einer weiten Strecke rechnen. Denn der klassische Landarzt stirbt aus. Viele Praxen stehen leer, noch mehr drohen zu verwaisen, weil Mediziner vor der Rente stehen. 39 Prozent der rheinland-pfälzischen Hausärzte sind bereits 60 Jahre oder älter. Die rot-gelb-grüne Ampelregierung setzt künftig auf ein neues Rezept, um den Ärztemangel zu bekämpfen. Sie will neue Ärzte ausbilden, die in Dörfern lebende Patienten versorgen.

Ab dem Wintersemester 2020/21 sollen die ersten 16 oder 17 jungen Menschen starten, die sich vor ihrem Medizinstudium verpflichten, nach ihrem Abschluss für mindestens zehn Jahre als Hausarzt oder im Gesundheitsamt einer unterversorgten Region zu arbeiten. Dafür brauchen sie nicht unbedingt ein Einser-Abitur, das für manchen Bewerber oft eine zu hohe Hürde ist.

Der Mainzer Landtag hat am Donnerstag erstmals über den Gesetzentwurf der Regierung beraten. Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler sieht in der Landarztquote „einen von vielen Bausteinen“, um Ärztemangel zu bekämpfen. 6,3 Prozent aller Medizin-Studienplätze reserviert die Ampelkoalition künftig für angehende Landärzte, 1,5 Prozent preist sie für Bewerber ein, die später in einem kommunalen Gesundheitsamt arbeiten sollen. Brechen Studenten den Vertrag mit dem Land, drohen Strafen von bis zu 250 000 Euro.



Peter Enders (CDU), der im Landtag seine letzte Rede hielt, lobte die Quote und fand doch kritische Worte. Enders, der als Landrat in den Kreis Altenkirchen wechselt, monierte das lange Zaudern der Ampelregierung. Nordrhein-Westfalen habe deutlich schneller die Landarztquote geschaffen.

Gut 170 junge Menschen sollen im Nachbarland bereits ab dem kommenden Wintersemester dank Landarztquote mit dem Studium starten – und können in Dorf-Praxen damit schneller helfen. Rheinland-Pfalz müsse bei den Studienplätzen dringend nachlegen, forderte Enders.

Der Arzt sprach sich auch dafür aus, dass Medizin-Studenten ab Ende 2020 Teile ihrer klinischen Ausbildung nicht nur in Trier, sondern auch in Koblenz absolvieren können, was junge Menschen an die Regionen außerhalb der Landeshauptstadt binden soll. „Trier liegt nicht im Zentrum von Rheinland-Pfalz. Eine Fahrt von Mainz nach Trier ist für einen Studenten schon eine halbe Tagesreise, nach Koblenz brauchen sie gerade mal eine Stunde“, regte Enders an. Im Gesetz erhofft sich der CDU-Mann noch neue Anreize, die Medizin-Studenten nach Rheinland-Pfalz locken.

„Im Kreis Altenkirchen richten wir zwei Plätze für Studenten ein, die aus der Region kommen und die wir mit einem Stipendium unterstützen. Der Kreis greift da ein, wo die Hilfe des Landes zu kurz kommt.“ Ein vernichtendes Zeugnis stellte AfD-Politikerin Sylvia Groß dem Land aus. Sie sagte: „Pro Semester reden wir gerade mal von 13 Studienplätzen für Landärzte und von dreien für Amtsärzte.“ Bereits Ende 2020 seien landesweit aber fast 1500 Hausarzt-Stellen nachzubesetzen. Groß warnt, dass die angehenden Medizin-Studenten wahrscheinlich sogar erst ab dem Jahr 2031 in einer Praxis arbeiten. Sie kritisierte ein „krasses Missverhältnis“ und sagte: „Die Landesregierung hat das Problem des Ärztemangels lange ignoriert und kann jetzt kaum noch wirksame Maßnahmen ergreifen.“

Die Ampelparteien verteidigten den Gesetzentwurf, der nun den Weg durch die Ausschüsse des Parlaments geht. „Wir bieten jungen Menschen eine wunderbare Möglichkeit, auch ohne Spitzenabitur als Arzt zu arbeiten“, sagte Ministerin Bätzing-Lichtenthäler. Steven Wink (FDP) verwies darauf, dass Rheinland-Pfalz den Ärztemangel nicht nur über die Landarztquote bekämpfe. 600 000 Euro mehr buttert die Ampelkoalition künftig in Telemedizin. Arztassistenten besuchen dabei in Modellregionen – wie rund um Daun – Patienten und checken mit technischen Geräten, wie es ihnen geht.

Katharina Binz (Grüne) hob die Quote für den öffentlichen Gesundheitsdienst hervor. Skeptisch ist sie lediglich, ob am Ende wirklich die Studenten eine Chance bekommen, die kein Einser-Abi in der Tasche haben. Beim mehrstufigen Verfahren werde für jeden Bewerber zuerst ein Wert ermittelt, der sich aus einem Fachtest, möglichen Berufserfahrungen, aber auch aus der Abi-Note ergebe.

Gut 35 Kandidaten sollen danach zu Gesprächen eingeladen werden. „Es ist denkbar, dass immer noch viele Bewerber mit sehr guten Abi-Noten darunter sind, weil der Run auf Medizinstudienplätze sehr hoch ist“, sagte sie.