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Ehrenamtliches Engagement
Vereinsboom in Rheinland-Pfalz

 Ein Mitarbeiter der Initiative „Kirche in Aktion“ verteilt in Mainz Spielzeug an Kinder. Die Zahl der Vereine im Land steigt stetig und immer mehr von ihnen engagieren sich im Bereich Flüchtlingshilfe und Integration.   
Ein Mitarbeiter der Initiative „Kirche in Aktion“ verteilt in Mainz Spielzeug an Kinder. Die Zahl der Vereine im Land steigt stetig und immer mehr von ihnen engagieren sich im Bereich Flüchtlingshilfe und Integration.   FOTO: dpa / Ines Klose
Mainz. Die Zahl der Vereine in Rheinland-Pfalz steigt. Die Landesregierung hilft ihnen, weiteren Nachwuchs zu gewinnen.

(dpa) Mit Bedürftigen einkaufen gehen, Mittagessen organisieren, Krebspatienten ein Lächeln ins Gesicht zaubern: Die Vereinslandschaft in Rheinland-Pfalz boomt. Besonders in der Flüchtlingshilfe und Integration, in der Nachbarschaftshilfe und in der Kultur gebe es zahlreiche Vereinsgründungen, weiß Birger Hartnuß von der Leitstelle Ehrenamt und Bürgerbeteiligung in der Staatskanzlei in Mainz.

Bei der jüngsten Zählung im vergangenen Jahr waren im Land rund 38 000 Vereine aktiv, wie aus der Studie „Zivilgesellschaft in Zahlen“ hervorgeht. Im Jahr 2010 waren es noch etwa 35 600 Vereine, seitdem wuchs die Zahl stetig. Das zeigt sich auch in der Zahl der Engagierten im Land. Aus dem „Deutschen Freiwilligensurvey“ (Deutsche Freiwilligenerfassung) geht hervor, dass 48,3 Prozent der Rheinland-Pfälzer sich ehrenamtlich betätigen. Rheinland-Pfalz belegt damit im Ländervergleich den Spitzenplatz.

Dabei ging es früher meist darum, im Verein Gleichgesinnte für ein Hobby zu finden, von Eisenbahnfahren über Brieftauben züchten bis Sterne gucken. Jüngere Vereine sind hingegen oft aus einer Not- oder Hilfesituation heraus entstanden. So hörte Franz Käs als ehrenamtlicher Mitarbeiter in einer Tafel in Mayen in der Vulkaneifel ein Kind sagen: „Boah, Mama, hier gibt es endlich mal etwas Warmes zu Essen.“ Käs dachte sich daraufhin: Das kann doch nicht wahr sein.



Er gründete im vergangenen Jahr mit Mitstreitern den Verein Mayener Suppenküche. Einmal pro Woche essen sie zusammen mit rund einem Dutzend bedürftiger Kinder in einem Lokal in einem Nebenzimmer. „Wir retten die Kinder nicht vorm Hungertod“, weiß Käs. Aber sie böten einen geschützten Raum, in dem auch viele Freundschaften entstanden seien. Und die Schüler lernten Neues. „Viele Kinder haben am Anfang keinen Salat gegessen, weil sie das nicht kannten. Wir haben gesagt, probier mal. Jetzt essen sie fast alle Salat.“

Der Freiwilligensurvey zeigt auch, dass Männer in Vereinen deutlich häufiger in Führungs- und Vorstandspositionen engagiert sind als Frauen. Hier gebe es Modernisierungsbedarf, stellte Clemens Hoch, Chef der Staatskanzlei, jüngst im Ausschuss für Gleichstellung und Frauenförderung fest. Gabriela Hilf braucht das nicht: Sie leitet von Dannstadt (Rhein-Pfalz-Kreis) aus den Verein Wunderbar, der Bedürftigen einen schönen Tag bereiten möchte.

Zu Beginn verteilten die Mitglieder Decken, Kleidung und Kuscheltiere an Flüchtlinge auf Bahnhöfen. Nun füllen sie den Kühlschrank von Familien, die am Monatsende kein Geld mehr haben oder fahren mit armen Menschen in einem Sozialkaufhaus Möbel kaufen, die von den Vereinsmitgliedern bezahlt werden. Oder sie gehen mit den Bewohnern von sozial schwachen Gebieten in ein Café. „Das ist für sie etwas ganz besonders, mal ein Stück Kuchen zu essen, Kaffee zu trinken, da rollen die Tränen“, sagt Hilf.

Eine solche Hilfe könnte auch in einer losen Initiative organisiert werden. Aber es sei leichter, Spenden zu bekommen, wenn sie dafür eine Quittung ausstellen könne, sagt Hilf. Außerdem seien Vereine steuerlich begünstigt, ergänzt Martin Cunow, der 2016 in Wörth am Rhein den Verein Und täglich grüßt das Murmeltier gegründet hat. Der Verein unterstützt krebs-, schwerst- und chronisch kranke Kinder und Jugendliche und deren Familien.

„Der Verein füllt ein Lücke, eigentlich ist das, was wir machen, eine Fürsorgepflicht des Staates“, meint Cunow. Aber es sei eben so, dass die Krankenkasse nicht alles zahle. Gabriela Hilf meint, es gebe Dinge, die der Staat nicht schaffe: Das umeinander Kümmern, das füreinander Dasein. „Das ist das Gute bei einem Verein. Es gibt Menschen ohne Berührungsängste, die gehen vor Ort, andere wollen nicht in den Vordergrund, die finanzieren. Jeder macht, was er kann.“

Peter Schwalm, der die Ebersheimer Bürgergesellschaft 2016 in Mainz mit gegründet hat, mag an der Vereinsstruktur auch den formalen Rahmen. Andernfalls verlören die Hilfsbereiten schnell aus dem Blick, was sie machen wollten. „In einem losen Zusammenschluss ohne Verbindlichkeit zerbröselt einem die Idee auf dem Weg.“ Wer bei seinem Verein mitmacht, verpflichtet sich auf 20 Stunden Arbeit im Jahr, etwa zum Pflegen von Grünanlagen oder für Nachbarschaftshilfe wie Blumengießen und gemeinsame Behördengänge.

Lieber jeder 20 Stunden im Jahr als einer 20 Stunden pro Woche: Das könnte auch ein Appell der Landesregierung an die Vereine sein. Denn in den Umfragen wurde festgestellt, dass die Menschen sich zwar häufiger ehrenamtlich engagieren, dafür aber weniger Zeit aufwenden können. „Die Verdichtung in der Arbeitswelt spielt da sicherlich eine Rolle“, sagt Hartnuß von der Leitstelle Ehrenamt und Bürgerbeteiligung. Und die Zahlen zeigen auch: Bei 29 Prozent der Vereine sind die Mitgliederzahlen rückläufig.

Deswegen wolle die Landesregierung den Vereinen helfen, rechtzeitig für Nachwuchs zu sorgen und mit neuen Angeboten interessant zu bleiben. „Gerade im ländlichen Raum und bei traditionsreichen Vereinen knackst es im Holz“, sagt Hartnuß. Die alteingesessenen Vereine fänden schwieriger Mitglieder und vor allem hätten sie Probleme, die zeitintensiven Vorstandsposten zu besetzen. Dafür gebe es nun Lösungsvorschläge vom Land: Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen, Vorstandssitzungen entschlacken, neue Medien nutzen.

(dpa)