| 23:20 Uhr

Städtchen in Südpfalz kommt nicht zur Ruhe
Tausende demonstrieren in Kandel

Kandel. Kandel kommt nicht zur Ruhe. Seit dem Tod der 15 Jahre alten Mia gehen hier immer wieder Menschen auf die Straße. Am Samstag zogen gleich vier Demonstrationen durch den Ort in Rheinland-Pfalz. Die Ministerpräsidentin blieb fern.

(dpa) Laute Parolen schallen durch die Rheinstraße in Kandel. „Festung Europa, macht die Grenzen dicht“, skandieren die Demonstranten. Über ihnen wehen Deutschlandfahnen, die Stimmung ist aggressiv. In der Parallelstraße wird ebenfalls demonstriert, hier dominieren Regenbogenfahnen und Rufe wie „Nazis raus“. Zwei Straßen, zwei Welten.

Auch mehr als zwei Monate nach dem gewaltsamen Tod der 15 Jahre alten Mia kommt der Ort in Rheinland-Pfalz nicht zur Ruhe. Die 15-Jährige Mia war am 27. Dezember in einem Drogeriemarkt in Kandel erstochen worden. Der mutmaßliche Täter ist ihr Ex-Freund, ein afghanischer Flüchtling. Die Schülerin hatte sich Anfang Dezember von ihm getrennt. Kurz darauf zeigte sie ihn wegen Beleidigung, Nötigung, Bedrohung und Verletzung persönlicher Rechte bei der Polizei an.

Bereits kurz nach der Tat gab es erste Zweifel am Alter des Flüchtlings. Daraufhin ordnete die Staatsanwaltschaft ein medizinisches Gutachten an. Dieses kommt zu dem Schluss, dass der Mann etwa 20 Jahre alt ist. Zuvor galt er als 15-jährig. Er sitzt in Untersuchungshaft.



Seit dem gewaltsamen Tod der Schülerin kommt es immer wieder zu Demonstrationen und Mahnwachen in dem Ort. Vor einem Monat organisierte das „Frauenbündnis Kandel“ eine Demo unter dem Motto „Sicherheit für uns und unsere Kinder“. Damals hatten etwa 1000 Menschen an den Protesten teilgenommen.

Am Samstag haben nach Polizei-Angaben etwa 4500 Menschen in der kleinen Stadt in der Südpfalz demonstriert. Dabei sei es auch zu kleineren Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten gekommen, sagte ein Polizeisprecher am Samstag. „An unseren Appell, sich friedlich zu versammeln, haben sich leider nicht alle Teilnehmer gehalten“, bilanzierte ein anderer Polizeisprecher. Größere Störungen hätten aber verhindert werden können. Die Ordnungshüter war mit mehreren Hundertschaften vor Ort.

Ein Beamter sei durch einen Tritt eines Demonstranten am Fuß verletzt worden. Er habe seinen Dienst aber fortsetzen können, berichtete die Polizei in einer Bilanz. Gegen den Tatverdächtigen wurde Pfefferspray eingesetzt. Ein Ermittlungsverfahren wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und wegen Verstoß gegen das Versammlungsgesetz wurde eingeleitet.

Zu einer Demo hatte die Initiative „Kandel ist überall“ aufgerufen, die sich gegen „illegale Massenimmigration“ wendet. Hier kamen rund 4000 Menschen auf einen Parkplatz am Ortsausgang – darunter Rentner, Ehepaare und Jugendliche. Minütlich mehr. Hier wollten sie ihrem Groll freien Lauf lassen.

„Wir Mütter haben keine Kinder bekommen, um sie von den Merkel-Gästen schänden oder abschlachten zu lassen“, dröhnte es aus einem Lautsprecher. Zur Teilnahme an der Demo rief auch der AfD-Bundestagabgeordnete Thomas Seitz auf.

Nicht weit davon entfernt formierten sich einige hundert Gegendemonstranten unter dem Motto „Wir sind Kandel“. Dazu zählten örtliche Vereine, Initiativen, Gewerkschaften, Parteien und Kirchengemeinden. „Kandel ist weltoffen, freundlich und hilfsbereit. Die missbrauchen unsere Stadt für diese Scheiß-Propaganda“, schrie eine Frau von dem Bündnis.

Zuvor hatte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) vor Hass und Hetze gewarnt. „Ich sehe mit Erschrecken, wie hier eine Tat für pauschalen Fremdenhass instrumentalisiert wird“, sagte Dreyer am Freitag. Sie stehe an der Seite von Bürgern aus Kandel, die sich für Miteinander und gegen Hass engagierten. Die Ministerpräsidentin selbst erschien am Samstag allerdings nicht in Kandel. Stattdessen besuchte ihr Parteifreund Alexander Schweitzer, Fraktionschef der SPD im Mainzer Landtag, die Teilnehmer der Initiative „Wir sind Kandel“.

(dpa)