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Erinnerungen eines Agenten
Rheinland-Pfalz und der Kalte Krieg

 Der ehemalige DDR-Spion Dieter Popp sitzt in seiner Wohnung vor einem Kurzwellenradio, das er zur Kommunikation mit dem Militärischen Geheimdienst der Nationalen Volksarmee genutzt hatte. Popp lieferte geheime Unterlagen aus dem Planungsstab des Verteidigungsministeriums an die NVA.
Der ehemalige DDR-Spion Dieter Popp sitzt in seiner Wohnung vor einem Kurzwellenradio, das er zur Kommunikation mit dem Militärischen Geheimdienst der Nationalen Volksarmee genutzt hatte. Popp lieferte geheime Unterlagen aus dem Planungsstab des Verteidigungsministeriums an die NVA. FOTO: dpa / Thomas Frey
Kaiserslautern/Bad Neuenahr-Ahrweiler. Rheinland-Pfalz spielt im Kalten Krieg eine wichtige militärische Rolle. Das macht es auch zu einem Brennpunkt der DDR-Spione. Sie interessieren sich für Soldaten, Bunker und Fußballer. Ein Ex-Agent erinnert sich.

(dpa) Rheinland-Pfalz gilt im Kalten Krieg mit seinen starken US-Streitkräften als „Flugzeugträger der Nato“. Im Ahrtal verbirgt sich damals unter Weinreben der westdeutsche Regierungsbunker. Und beim 1. FC Kaiserslautern spielt ein DDR-Flüchtling Fußball. All dies interessiert Ost-Berlin brennend. An diesem Samstag, 9. November, jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal - ein besonderes Datum auch für einstige DDR-Spione mit Bezug zu Rheinland-Pfalz.

Dieter Popp hat 20 Jahre lang mit seiner Quelle im Bonner Verteidigungsministerium geheime Informationen nach Ost-Berlin weitergegeben – auch über die Übungen im Regierungsbunker. Nach 1989 verrät ihn ein ehemaliger DDR-Spion, der die Seiten wechselt. Festnahme, Verurteilung und vier Jahre Haft: Bis heute findet Popp dies ungerecht. „Westdeutsche Spione sind geehrt, belohnt und entschädigt worden – und wir sind zu hohen Haftstrafen verurteilt worden“, kritisiert der 80-Jährige. „Das war reine Rache.“

Bereut er seinen Agentenjob? Nein. „Ich habe für die Entspannung zwischen Ost und West gearbeitet“, berichtet Popp an seinem Wohnort Bonn. Dieses Motiv habe auch der Vorsitzende Richter bei seiner Verurteilung erwähnt. Bei einer gefährlichen Frontenstellung wie im Kalten Krieg sei es immer gut, wenn beide Seiten wüssten, „was der andere will“.



Popp sieht nicht aus wie ein James Bond, eher unauffällig. Während seiner Spionagezeit hat er tagsüber bei einer Versicherung gearbeitet. Mit seinem Freund, einem Angestellten im Planungsstab im Bonner Verteidigungsministerium, liefert der Spion mit dem Decknamen „Asriel“ teils höchst geheime Unterlagen an den Militärischen Geheimdienst der Nationalen Volksarmee.

Stolz sagt Popp, diese Informationen hätten mitunter schneller die DDR-Spitze als den Verteidigungsminister in Bonn erreicht – wegen des langen Dienstweges in der Behörde auf der Hardthöhe. Seine Quelle im Verteidigungsministerium – Deckname „Aurikel“ – schmuggelt die Informationen in Zeitschriften in der Mittagspause nach draußen. Popp fotografiert sie und übergibt sie einem Kurier bei einem Tausch gleichaussehender Aktentaschen. Auch mit gefunkten Zahlencodes hält Popp Kontakt mit Ost-Berlin. Seinen DDR-Führungsoffizier trifft er schon mal im Pauschalurlaub in Spanien.

Im einstigen Regierungsbunker bei Bad Neuenahr-Ahrweiler läuft alle zwei Jahre eine Nato-Übung. Das Duo hält Ost-Berlin auf dem Laufenden. 3000 Menschen proben in dem riesigen Tunnelsystem je zwei Wochen das Bunkerleben bei einem fiktiven Dritten Weltkrieg, mit einem falschen Kanzler, einem vermeintlichen Bundespräsidenten und einem Notparlament.

Jörg Diester, Autor mehrerer Bücher über den Bunker, sagt, die Stasi habe versucht, Spione schon beim Ausbau der bizarren Anlage zu platzieren: „Sie hat viel gewusst.“ Das bestätigt auch Popp: „Im Grunde war der Bunker für den Osten wie ein Glashaus.“ Heute sind nur noch 200 Meter Tunnel als Museum erhalten.

Nach der Wende hat Popp öfters im Fernsehen und in Vorträgen von seinem früheren Doppelleben berichtet. „Beim Rotary Club bin ich mal mit dem Bentley abgeholt und einem Jaguar nach Hause gebracht worden“, berichtet das Mitglied der Kommunistischen Plattform der Linkspartei. Den Untergang der DDR bedauert Popp: „Die DDR hätte wie ein Benelux-Land als eigenständiger Staat mit einer demokratischen Regierung weitermachen sollen. Das wollten ja auch viele.“

Auch beim US-Militär in Rheinland-Pfalz spioniert die DDR. Spion „Michael“ etwa liefert als deutscher Verwaltungsangestellter aus dem Raum Mainz Informationen über Aktivitäten, Organisation und Personal der US-Streitkräfte, wie der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in einer Publikation berichtet. „Michael“ hat eine in der DDR lebende Tochter, Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) der Stasi. „Michaels“ Treffen mit der Stasi wurden als Verwandtenbesuche getarnt und mit privaten Anlässen wie Hochzeiten oder Geburtstagen verbunden“, heißt es in der Broschüre. In Privatbriefe fließen Codewörter für die Spionage ein.

Unter geheimdienstlicher Beobachtung der DDR ist zeitweise auch der 1. FC Kaiserslautern. IM „Buchholz“, ein Duisburger Rentner, reist für die Stasi auf den Betzenberg und berichtet von 1979 bis 1981 über Interna.

Der Ost-Berliner Fußballer Lutz Eigendorf ist nach einem Freundsschaftspiel beim FCK einfach im Westen geblieben und spielt nun in der Pfalz Fußball. Eine schwere Niederlage für das SED-Regime, heißt es in der Broschüre des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen: „Die Flucht des „Sportverräters“ sollte Nachahmern nicht als erfolgreiches Beispiel dienen.“

Rentner „Michael“ nimmt – getarnt als Fan – Kontakt mit Eigendorf auf. 1982 wechselt der sechsmalige DDR-Nationalspieler zur Eintracht Braunschweig. 1983 kracht er in der niedersächsischen Stadt im Auto angetrunken gegen einen Baum. Er stirbt. Indizien deuten auf die Hand der Stasi hin. Beweise dafür fehlen bis heute.

(dpa)