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Mainz setzt auf Studenten
Rheinland-Pfalz startet Landarzt-Offensive

Ein Landarzt nimmt sein Stethoskop aus dem Koffer. Rheinland-Pfalz setzt im Kampf gegen Ärztemangel auf dem Land auf Studenten.
Ein Landarzt nimmt sein Stethoskop aus dem Koffer. Rheinland-Pfalz setzt im Kampf gegen Ärztemangel auf dem Land auf Studenten. FOTO: dpa / Oliver Berg
Mainz. Auf dem Land wird der Ärztemangel schon bald deutlich greifbar sein, prognostizieren Ärzte und Regierung. Rheinland-Pfalz will nun gegensteuern und startet die Operation Landarzt-Offensive.

Als Landarzt Dr. Mattiesen auf dem Fernsehbildschirm praktiziert hat, war die Welt noch in Ordnung. Die gleichnamige ZDF-Serie ist seit fünf Jahren Geschichte – und Landärzte werden seitdem im wahren Leben immer öfter gesucht. Auch in Rheinland-Pfalz. Als Rezept gegen Ärztemangel auf dem Land will die Ampel-Regierung bis 2021 eine Landarztquote einführen: Bis zu zehn Prozent der Medizin-Studienplätze sollen vorab für diejenigen reserviert werden, die sich bis zu zehn Jahre als Landarzt in Gebieten mit einem Mangel verpflichten. Das kündigte die Ampel-Regierung am Freitag an. Ein Zehntel der Studienanfänger der Unimedizin Mainz wären derzeit rund 20.

„Auf dem Land stellt es sich zunehmend schwerer dar, Ärztinnen und Ärzte in der Allgemeinmedizin zu finden“, sagte Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD). Sie sorgt sich darum, dass die Hausärzte im Durchschnitt immer älter werden: „Fast 40 Prozent sind über 60 Jahre.“ Zugleich gingen nur noch rund zehn Prozent der Medizinstudenten in die Allgemeinmedizin. Deshalb soll der Koffer von Notfallmaßnahmen, den es schon gibt, erweitert werden. Darum geht es:

Landarztquote: Sie soll die Lücken von Hausärzten auf dem Land schließen und Bewerbern ein Medizinstudium ermöglichen, die sich als Hausarzt in ländlichen Regionen verpflichten. Auch jemand mit lediglich gutem oder sogar nur durchschnittlichem Abitur kann nach Ansicht der Ministerin ein guter Arzt sein. In einem Auswahlverfahren mittels Projektgruppe wird nach ihren Plänen dann geprüft, ob jemand als Arzt geeignet ist. Die Ministerin will dem Kabinett noch in diesem Jahr einen Gesetzentwurf vorlegen. Danach wäre der Landtag an der Reihe. Sie sieht die Quote nicht als Allheilmittel, aber als wichtigen Baustein. Bald will Nordrhein-Westfalen als erstes Land mit einer Landarztquote starten.



Eine Kommission mit Landesregierung, Kassenärztlicher Vereinigung, Landesärztekammer und Unimedizin soll die Einsatzgebiete festlegen, wo eine junge Landärztin oder ein junger Landarzt gebraucht wird. Wer die Verpflichtung nicht einhält, soll maximal 250 000 Euro Strafe zahlen – es soll aber auch eine Regelung für Härtefälle geben. Darum würde es sich handeln, wenn etwa ein Student stark erkrankt, nahe Angehörige pflegebedürftig sind oder er die Prüfung nicht besteht. Die Landesärztekammer wies darauf hin, dass die Ausbildung elf bis zwölf Jahre dauere. Es sei schwer abzuschätzen, ob die Quote dann wirke.

Studienplätze: Die Zahl der Medizin-Studienplätze werde ab dem Wintersemester 2020/2021 um rund 20 pro Jahr steigen, kündigte Wissenschaftsminister Konrad Wolf (SPD) an. Damit soll auch eine Regionalisierung verbunden werden: Studenten sollen einen Teil ihrer klinischen Ausbildung auch in Trier absolvieren können. Für Plätze und Regionalisierung sind 500 000 Euro im Haushalt 2020 vorgesehen.

Telemedizin: Eine Sprechstunde per Laptop oder Mobiltelefon ist damit zum Beispiel möglich. Diese Form der Medizin ist der Gesundheitsministerin wichtig: „Insbesondere werden wir den Fokus legen auf die Telemedizin.“

Ärztegenossenschaft: Darin schließen sich Ärzte zusammen. Am 1. November startet voraussichtlich die erste Ärztegenossenschaft in Rheinland-Pfalz: die Medicus Eifler Ärzte eG in Bitburg. Sie will Mediziner anstellen und ihnen flexible Arbeitszeiten bieten.

Reaktionen: FDP und Grüne im Landtag hatten sich zunächst skeptisch geäußert. Die FDP-Fraktion erklärte am Freitag jedoch, mit den Plänen werde dem Ärztemangel auf dem Land offensiv begegnet. Nach Ansicht der CDU-Opposition fällt der Ausbau der Studienplätze zu klein aus. Sie warnt davor, dass die Landarztquote auf Kosten der bisherigen Studienplätze geht. Die oppositionelle AfD wertete die Erhöhung der Plätze positiv, für die Quote will sie zunächst erst Experten hören. Der Barmer Krankenkasse Rheinland-Pfalz reichen die Pläne der Regierung nicht. Sie fordert auf dem Land zum Beispiel eine leichtere Umwandlung der Praxiszulassung ins Angestelltenverhältnis.

Ärztemangel: Zwischen Eifel und Pfalz fehlen nach Ansicht der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) bis 2022 rund 1600 Hausärzte, im jüngsten Versorgungsatlas ist von 2700 Hausärzten im Jahr 2015 die Rede. Aktuell fehlen laut KV die meisten Hausärzte im Bereich Saarburg/Obermosel – 10,5 freie Arztsitze sind es dort, im Bereich Prüm in der Eifel sind 7,5 frei, im Bereich Westerburg/Hachenburg sieben. „Wir gehen davon aus, dass ein Arzt künftig doppelt so viele Patienten betreuen muss“, sagte der Landrat des Eifelkreises Bitburg-Prüm, Joachim Streit (Freie Wähler).