| 22:10 Uhr

Sorge wegen Tonnen von Giftstoffen
Proteste gegen Ausbau von US-Gefahrgutlager

Dietmar Bytzek zeigt durch den Zaun des US-Stützpunktes in Germersheim. Der Sicherheitsingenieur in der Automobilindustrie befürchtet, dass auf diesem Gelände künftig bis zu 1900 Tonnen zum Teil giftiger, ätzender und brennbarer Gefahrstoffe von der US-Armee gelagert werden.
Dietmar Bytzek zeigt durch den Zaun des US-Stützpunktes in Germersheim. Der Sicherheitsingenieur in der Automobilindustrie befürchtet, dass auf diesem Gelände künftig bis zu 1900 Tonnen zum Teil giftiger, ätzender und brennbarer Gefahrstoffe von der US-Armee gelagert werden. FOTO: Maximilian Perseke / dpa
Germersheim. Tonnenweise teils giftige Stoffe will die US-Armee zwischen Lingenfeld und Germersheim lagern. Anwohner befürchten Schlimmes.

(dpa) Zielstrebig steuert Dietmar Bytzek sein Auto auf einem Waldweg direkt auf den Zaun des US-Stützpunkts im südpfälzischen Germersheim zu. Ihm macht Sorge, was hinter dem Zaun geschaffen werden soll. Bis zu 1900 Tonnen zum Teil giftiger, ätzender und brennbarer Gefahrstoffe will die US-Armee dort sammeln. Das hat Politiker vor Ort auf den Plan gerufen. Eine Bürgerinitiative soll ins Leben gerufen werden. Bytzek, ein Sicherheitsingenieur aus der Automobilindustrie, ist Mitinitiator.

Bisher waren in der betroffenen Halle auf dem Gelände lediglich 70 Tonnen genehmigt. Gelagert werden auf dem US-Stützpunkt „übliche Konsumgüter für den Betrieb von Kraftfahrzeugen“ und andere Gebrauchsgüter der US-Truppen, darunter Schmieröl, Enteisungs- und Hydraulikflüssigkeit, wie aus einer Kleinen Anfrage der AfD-Fraktion beim Mainzer Umweltministerium im Mai hervorging. 50 Tonnen „sehr giftiger Stoffe“ könnten demnach hinzukommen.

Deren Lagerung hat die „Defense Logistics Agency“ (DLA) Distribution Europe, Teil der weltweit größten Logistikeinheit des US-Verteidigungsministeriums, neben der Hallenerweiterung um das 27-fache beantragt. Bis zum 25. Juli ist der Antrag für das von der DLA mit 1,3 Millionen Euro veranschlagte Projekt in der Kreisverwaltung Germersheim öffentlich einsehbar, Einwände können noch bis zum 7. August eingebracht werden.



Derweil formiert sich in Germersheim und Lingenfeld Widerstand. Anfang August soll die Gründerversammlung der Bürgerinitiative in Lingenfeld stattfinden. „Das Lager könnte ein Ziel terroristischer Angriffe sein“, sagt der Germersheimer Bytzek. An dem langen Waldweg, der auf den Zaun des Lagers zuläuft, sagt er: „Wenn da ein Lastwagen Geschwindigkeit aufnimmt, hat er genug kinetische Energie, um den Zaun zu durchbrechen.“

Er selbst habe bisher etwa 20 Einzeleinwendungen eingebracht. „Wir Bürger wissen nicht genau, was da gelagert wird“. Oft sei nur von Lagerklassen die Rede, ohne genaue Stoffbezeichnung. Unter den „sehr giftigen Stoffen“ ist in den ausgelegten Unterlagen Dimethylsulfat aufgeführt. Das sei ein Kampfstoff aus dem Ersten Weltkrieg, sagt Bytzek.

Die „immense Erweiterung“ des Lagers stört auch den Lingenfelder Ortsbürgermeister, Erwin Leuthner (CDU).Die Orts- und Verbandsgemeinde Lingenfeld haben sich gegen die Umbaumaßnahmen gestellt, die Halle liegt auf ihrem Gebiet. „Bei allen Ratsmitgliedern haben die Alarmglocken geläutet“, sagt Peter Beyer, der Vertreter des Lingenfelder Verbandsbürgermeisters. Nun gehe das Ganze bis nach Berlin, sagt Leuthner. Was die Baumaßnahmen betreffe, werde der Vorgang von rheinland-pfälzischen Behörden dem Bundesministerium der Verteidigung zur Entscheidung vorgelegt, sagt eine Sprecherin der Kreisverwaltung Germersheim.

Ortsbürgermeister Leuthner kritisiert mangelnde Informationen. Über die mögliche Terrorismusgefahr habe das US-Militär nicht aufgeklärt, sagt er. Und Bytzek stört ein Gutachten der Prüfgesellschaft SGS-Tüv Saar. Die hatte festgestellt, dass die Ladefläche zum Be- und Entladen von Lastwagen vor der Halle nicht für den besonderen Umgang mit wassergefährdenden Stoffen ausgelegt sein müsse. „Aber genau beim Verladen passieren die meisten Unfälle“, weiß Leuthner, der neben Bytzek steht.

Eine Sprecherin der „Defense Logistics Agency“ (DLA) teilt mit Blick auf das Sicherheitskonzept mit: „Die US-Feuerwehr ist ausgebildet in der Identifizierung von Gefahrgütern, der Eindämmung zum Schutze der Umwelt und der fachgerechten Sanierung von Gefahrgütern – unabhängig davon, ob der Störfall in einer Lagerhalle oder beim Transport passiert“. „Zeitnah“ könnten Reinigungs- und Sanierungsarbeiten ausgeführt und verunreinigtes Bodenmaterial fachgerecht entsorgt werden, so die DLA-Sprecherin.

Die Lingenfelder fürchten den Faktor Mensch. Nur wenige Kilometer entfernt hat im Jahr 2013 in Harthausen ein Mann auf dem Gelände eines Gasversorgers zwei Lastwagen angezündet. Die Druckwelle der Explosionen brachte in Harthausen die Fenster zum Zerbersten und deckte Dächer ab. Bis Lingenfeld war der Knall zu hören.

Auch die Explosion im Oktober 2016 beim Chemieriesen BASF in Ludwigshafen - ausgelöst durch das Versehen eines Mitarbeiters einer Fremdfirma – hat bei den Lingenfeldern Spuren hinterlassen. Der Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr der Verbandsgemeinde Lingenfeld kam bei dem Großbrand ums Leben. Sein Nachfolger Steffen Andres sagt, früher sei seine Truppe noch zu Störfallen auf den US-Stützpunkt gerufen worden. Seit mehr als fünf Jahren habe man den Stützpunkt aber nicht mehr betreten. Auch gemeinsame Übungen gebe es nicht mehr.

Insgesamt sind in Rheinland-Pfalz nach Angaben des Innen- und des Umweltministeriums in Mainz 132 Gefahrstofflager in Betrieb. Dazu kommen 354 Gefahrstofflager „im weiteren Sinne“ unter anderem für brennbare Flüssiggase und brennbare Flüssigkeiten. Die US-Streitkräfte sind den Ministerien zufolge in Rheinland-Pfalz an 18 Standorten mit rund 17 000 Soldaten, 12 000 Zivilbeschäftigten und 30 000 Familienangehörigen präsent. Der DLA zufolge hat die US-Army in Europa drei Gefahrstofflager an zwei Standorten. Neben dem in der Südpfalz – dem größten – liegen die in Sigonella in Italien.

Bytzek schaut durch den Zaun auf eine kleine andere Halle. Auf einem Schild an der Frontwand steht „Hazardous Material Storage“ und entsprechend auf Deutsch auch „Gefahrgutlager“. Den 61-Jährigen stört das Unkraut, das zwischen Fugen von Platten an der Einfahrt des Lagers wuchert. „Der Boden ist nicht versiegelt.“ Er ist überzeugt: Bei einem Verladeunfall im Lager könnten Gefahrstoffe in den Boden dringen und ihn verseuchen.

(dpa)