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Umwelt
Gans schön dreist und ziemlich schmackhaft

Trier. Die Meinungen über Nilgänse gehen auseinander. Obwohl die Tiere im Land vermehrt gejagt werden, steigt die Population. Von Rolf Seydewitz

„Es werden immer mehr, und sie verhalten sich immer dreister.“ Der Bademeister des Schweicher Freibads war im vergangenen Frühjahr auf einige ungebetene Badbesucher nicht gut zu sprechen. Das lag an den Hinterlassenschaften des Federviehs mit den braunen Augenflecken. Da sich Nilgänse bevorzugt in der Nähe von Wasser aufhalten, verrichten sie ihre Notdurft im Schweicher Schwimmbad bevorzugt direkt am Beckenrand. Das Ergebnis: haufenweise grüner Dreck. „Bei wenig Badebetrieb muss ich den Dreck zwei bis drei Mal am Tag wieder entfernen“, schimpft Bademeister David Schomer, der immer froh ist, wenn die Anlage gut besucht ist und die Nilgänse deshalb lieber fernbleiben.

Irgendwann sind die Vögel wieder da. Bei der Verbandsgemeinde Schweich gelten die Nilgänse längst als Dauerproblem, das von Jahr zu Jahr größer wird. Wurden vor fünf, sechs Jahren zunächst nur zwei Vögel gesichtet, tummelten sich zuletzt sieben Nilgänse am Beckenrand und fühlten sich dort offensichtlich pudelwohl. Von einem eigens angeschafften „Raubvogel“, einem Drachen mit Habichtskostüm, ließen sich die Vögel laut VG-Büroleiter Wolfgang Deutsch gerade einmal ein, zwei Tage beeindrucken. Dann hatte der vermeintliche Habicht seinen Schrecken verloren, und die Nilgänse grasten unter seiner Aufsicht wieder fröhlich weiter.

Wie in der Verbandsgemeinde Schweich entwickeln sich die Nilgänse auch andernorts in der Region Trier zu einer Plage. Im Kreis Bernkastel-Wittlich, wo mit die höchsten Abschussquoten in Rheinland-Pfalz zu verzeichnen sind, hat sich die Zahl der Nilgänse nach Angaben eines Sprechers „in den letzten Jahren drastisch erhöht“. Die Tiere verdreckten nicht nur Schwimmbäder, Zeltplätze oder andere öffentliche und private Flächen, sondern verdrängten auch zunehmend einheimische Wasservögel. Eine Aussage, die unter Verweis auf das angeblich aggressive Brutverhalten der Nilgänse auch vom Landesjagdverband geteilt wird.



Nach Angaben des Naturschutzbundes Nabu gibt es dafür allerdings keine Belege. Neue Studien sprächen eher dafür, „dass sich Nilgänse ohne nachweisbare negative Effekte auf andere Arten in neuen Gebieten ansiedeln“, heißt es in einer aktuellen Nabu-Veröffentlichung. Eine Verdrängung anderer Tiere durch die Nilgans sei nicht nachzuweisen, antwortete vor einiger Zeit auch die grüne Forstministerin Ulrike Höfken auf eine entsprechende Anfrage im Mainzer Landtag. Und auch die Tierschutzorganisation Peta spricht angesichts der von den Nilgänsen angeblich ausgehenden Bedrohung für heimische Arten von Jägerlatein.

Wie jede andere Vogelart auch versuchten die Nilgänse nur, ihr Gelege zu schützen, sagt Peta-Sprecherin Nadja Michler.

Fakt ist allerdings, dass in ganz Rheinland-Pfalz immer mehr Nilgänse getötet werden. Seit dem Jagdjahr 2013/14 stieg die Zahl der geschossenen Tiere kontinuierlich an – von 380 auf zuletzt 1702 (siehe Grafik). Ginge es nach den Jägern, würden die Schonzeiten für Nilgänse noch weiter reduziert, um zusätzliche ökologische und ökonomische Schäden zu verhindern, wie es heißt.

Dabei erinnert die Jagd auf Nilgänse an die Jagd auf Wildschweine. Je mehr Tiere erlegt werden, desto stärker scheint der Bestand zu wachsen. Trotz des Jagddrucks sei eine Zunahme der Population zu verzeichnen, meint denn auch der Sprecher der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich, Manuel Follmann. Die mögliche Erklärung dafür: Die Nilgans hat hier kaum Fressfeinde. Und oft hielten sich die Tiere ausgerechnet dort gerne auf, wo eine Jagd nicht möglich sei.

Apropos Fressfeinde: Nach Meinung des Nabu sollten Nilgänse nur dann gejagt werden dürfen, wenn es um eine sinnvolle Nutzung gehe – „nämlich den Verzehr als Wildfleisch“. Dieser sei denkbar und naheliegend.

Und tatsächlich: Nilgans-Rezepte findet man im Internet zuhauf. So empfiehlt etwa die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft die Zubereitung einer Nilgans mit Wildkräuterfüllung. Vor allem Junggänse schmeckten hervorragend, heißt es in einem Faltblatt der Landesanstalt, aber „auch Gänse mit mehr Flugstunden geben einen exzellenten Braten“. Wie man am besten an die Nilgänse kommt, ist allerdings nicht erwähnt.

Vielleicht habe ja die Drohung mit einem schmackhaften Gänseessen gereicht, um die Schweicher Nilgänse im vergangenen Jahr zu vertreiben, mutmaßt Büroleiter Wolfgang Deutsch. Von einem auf den anderen Tag waren die Tiere jedenfalls aus dem Schwimmbad verschwunden. Vielleicht, so Deutsch, hätten sich die Nilgänse aber auch nur in den Urlaub verabschiedet und tauchten demnächst wieder auf.