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Nach Kritik von AfD-Politiker
Gibt es eine Überakademisierung?

Konrad Wolf, rheinland-
pfälzischer 
Minister für 
Wissenschaft und Kultur.
Konrad Wolf, rheinland- pfälzischer Minister für Wissenschaft und Kultur. FOTO: dpa / Arne Dedert
Mainz. Der AfD-Politiker Joachim Paul hat jüngst im Mainzer Landtag eine „Akademisierung ins Nichts“ beklagt und sich mehr junge Menschen in einer Berufsausbildung gewünscht. Wissenschaftsminister Konrad Wolf sieht keine Probleme.

Der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Konrad Wolf (SPD) sieht kein Problem einer Überakademisierung – also zu vieler Menschen mit einem Hochschulabschluss. Bei der Bewertung sei letztlich der Arbeitsmarkt entscheidend, sagte Wolf der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. „Bei Akademikern haben wir 2,5 Prozent Arbeitslosigkeit. Das ist normale Fluktuation.“ Man könne also von Vollbeschäftigung sprechen. Daher sei „das Gerede von einer Überakademisierung oftmals Polemik und Quatsch“.

Einen Fachkräftemangel gebe es sehr stark im nicht-akademischen Bereich, aber auch in vielen akademischen Bereichen. Insofern brauche es den Zuzug ausländischer Studenten. „Im Prinzip ist ein Studium die beste Integrationsvariante“, sagte Wolf mit Blick etwa auf englischsprachige Bachelor- und Masterstudiengänge hierzulande. „Dann kann die Zeit des Studiums für weitere sprachliche Qualifizierung genutzt werden und für eine gesellschaftliche Integration.“

Das Problem, überhaupt genügend ausländische Studenten nach Deutschland und Rheinland-Pfalz zu locken, sieht Wolf nicht. „Das ist nicht die Schwierigkeit. Die deutschen Hochschulen haben international einen sehr guten Ruf. Das sieht man auch an ihren hervorragenden internationalen Partnerschaften.“



Laut Statistischem Landesamt waren im Wintersemester 2017/18 von den rund 123 000 Studenten an rheinland-pfälzischen Hochschulen 11,4 Prozent Ausländer. 20 Jahre vorher – im Wintersemester 1997/98 – hatte der Anteil unter den seinerzeit insgesamt rund 81 000 Studenten noch bei 8,8 Prozent gelegen.

Ohne die im Zuge des sogenannten „Bologna-Prozesses“ eingeführten Bachelor- und Masterstudiengänge hätte es nie die schon erreichte Steigerung bei internationalen Studenten gegeben, sagte Wolf. An der Technischen Universität Kaiserslautern kämen mittlerweile in englischsprachigen Masterstudiengängen 70 bis 80 Prozent der Studierenden aus dem Ausland. „Wir hätten die alten Diplom- und Masterstudiengänge nicht ganz auf Englisch umstellen können.“

Wichtig seien angesichts des Fachkräftemangels auch duale Studiengänge mit Phasen an Hochschulen und Unternehmen. „Wir sind dabei, die dualen Studiengänge weiterzuentwickeln“, sagte Wolf. Derzeit seien es 75 Studiengänge und rund 2800 Studierende an den staatlichen Hochschulen. Als Option würden künftig Masterstudiengänge dazukommen. „Ich gehe davon aus, dass wir in einigen Jahren über 100 Studiengänge und deutlich mehr als 3000 Studierende haben.“

Berufsbegleitende Studiengänge helfen Ressortchef Wolf zufolge, die berufliche Bildung und die Hochschulbildung miteinander zu verknüpfen. „Damit stärken wir gerade auch die berufliche Bildung, weil wir zeigen: Es ist keine Grundsatzentscheidung zwischen Ausbildung und Studium.“ Eine Trennung von Ausbildung und Studium sei gerade angesichts des Fachkräftemangels der völlig falsche Ansatz.

Ein Problem der heutigen Zeit ist nach Einschätzung von Wolf, dass viele Studenten die Regelstudienzeit permanent im Kopf haben: „Ein Auslandssemester, ein Auslandsjahr, irgendwelche Kompetenzen, die man auf anderem Wege erwirbt, sind letzten Endes für einen selbst, aber auch im Lebenslauf wesentlich wertvoller als die Frage, ob ich in der Regelstudienzeit fertig werde.“ Dass Studenten so viel über die Regelstudienzeit grübelten, liege indes daran, dass vor dem Bologna-Prozess jahrzehntelang über vermeintlich zu lange Studienzeiten diskutiert worden sei. „Diese Diskussion wirkt jetzt.“

Laut Statistischem Landesamt lernten im Wintersemester 2017/18 rund 123 000 Studenten an rheinland-pfälzischen Hochschulen. Hier ein Blick in den Hörsaal der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.
Laut Statistischem Landesamt lernten im Wintersemester 2017/18 rund 123 000 Studenten an rheinland-pfälzischen Hochschulen. Hier ein Blick in den Hörsaal der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. FOTO: dpa / Fredrik von Erichsen
(dpa)