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Experte: Konsum ist besorgniserregend
Leistung per Pille: Das Tabuthema „Hirndoping“

 Eine Frau sitzt im Universitätsklinikum hinter einem Film mit Tabletten des Medikaments Medikinet, das genau wie Ritalin den Wirkstoff Methylphenidat enthält. Schüler machen es, Studenten und Arbeitnehmer auch. Sie nehmen Mittel ein, um mehr Leistung zu bringen.
Eine Frau sitzt im Universitätsklinikum hinter einem Film mit Tabletten des Medikaments Medikinet, das genau wie Ritalin den Wirkstoff Methylphenidat enthält. Schüler machen es, Studenten und Arbeitnehmer auch. Sie nehmen Mittel ein, um mehr Leistung zu bringen. FOTO: dpa / Frank Rumpenhorst
Mainz. Schüler machen es, Studenten und Arbeitnehmer auch. Sie nehmen Mittel ein, um mehr Leistung zu bringen. Darüber geredet werde kaum, sagt Experte Franke. „Hirndoping“ habe ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen.

(dpa) Vor den Abiturarbeiten ist der Lernstress für Schüler besonders groß. Und Studenten an Hochschulen und Universitäten stehen vor Klausuren ebenfalls extrem unter Strom. In solch stressigen Zeiten komme es vor, dass junge Menschen verstärkt zu leistungssteigernden Medikamenten wie Ritalin griffen, sagt der Mediziner und Soziologe Andreas G. Franke. Sie nutzten verschreibungspflichtige und illegale Mittel gezielt bei der Prüfungsvorbereitung zum „Hirndoping“. Eindeutige Zahlen darüber, wie viele Schüler und Studenten ihre Leistungen per Pille steigerten, gebe es nicht. „Es ist ein Tabuthema“, sagt der Professor an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim.

Franke forscht schon seit vielen Jahren an dem Thema. In seinen Studien, die er bei Studenten, Chirurgen und Managern gemacht hat, zeigte sich: Rund 20 Prozent aus jeder Zielgruppe gaben an, schon mindestens einmal ein illegales oder verschreibungspflichtiges Mittel zur Leistungssteigerung genommen zu haben.

In Befragungen seien mehrere Tausend Schüler und Studierende, aber auch Arbeitnehmer bundesweit eingebunden gewesen, sagt er. Auch Bildungseinrichtungen in Rheinland-Pfalz waren darunter, zum Beispiel in Kaiserslautern,  Speyer und Trier.



Überall habe sich gezeigt: „Es wird nicht offen über das Thema gesprochen“, sagt der Psychiater. Auch gegenüber Mitschülern oder Kommilitonen werde verborgen, wenn man etwas Derartiges einnehme. Ausnahme: „Bei den illegalen Dingen spricht man darüber nur in kleinen Zirkeln.“ Der amphetaminartige Wirkstoff Methylphenidat, der in Ritalin enthalten ist, wird in der Regel für Patienten mit dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) verschrieben. Wer sich das Arzneimittel anderweitig besorgt, schluckt es illegal.

Ein Student in Trier berichtet, er sei im Oktober schon vor dem Start des Semesters von einer Gruppe angesprochen worden, ob er Ritalin haben wolle – für die Zeit der Prüfungen. Es sei offensichtlich nicht schwer, es zu besorgen – über Bekannte, die das Medikament verschrieben bekämen, oder über das Internet, erzählt er.

Und ein Gymnasiast erzählt, er wisse genau, wie er an das Medikament kommen könne. „Bei uns an der Schule nehmen es mehrere“, schildert er den Alltag dort.

Eine Schulsozialarbeiterin einer anderen Schule in Trier meint: „Dass Kinder hier Medikamente zur Leistungssteigerung nehmen, habe ich noch nicht mitbekommen. Aber das heißt nicht, dass es nicht stattfindet.“ Das Thema sei „mit viel Scham“ besetzt. Laut Experte Franke griffen auch viele zu Koffeintabletten oder vor allem Energy-Drinks.

Wer „Hirndoping“ macht, riskiert erhebliche Nebenwirkungen. Nach Angaben der Krankenkasse DAK können missbräuchlich eingesetzte Medikamente zu Persönlichkeitsveränderungen, Abhängigkeiten oder auch zum Verlust der Leistungsfähigkeit führen. Am Arbeitsplatz griffen schon Zehntausende Rheinland-Pfälzer wegen Stress und Leistungsdruck regelmäßig zu Dopingmitteln und betrieben „Hirndoping“.

Der Trend sei in der Arbeitswelt seit 2008 erkennbar, sagt der Sprecher der DAK in Mainz. Verbreitet seien Betablocker, Antidepressiva, Wachmacher und ADHS-Pillen – für mehr Leistung oder für eine bessere Stimmung.

(dpa)