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Prekäres Leben
Leben ohne Krankenversicherung

 Internist Matthias Zimmer (37) spricht in einem Behandlungszimmer im Ketteler-Krankenhaus mit einer Patientin. Der Malteser Hilfsdienst bietet hier einmal in der Woche medizinische Behandlung für Menschen ohne Krankenversicherung an, auf Wunsch auch anonym.
Internist Matthias Zimmer (37) spricht in einem Behandlungszimmer im Ketteler-Krankenhaus mit einer Patientin. Der Malteser Hilfsdienst bietet hier einmal in der Woche medizinische Behandlung für Menschen ohne Krankenversicherung an, auf Wunsch auch anonym. FOTO: dpa / Frank Rumpenhorst
Mainz/Offenbach. Obdachlos, arm – oder keine Aufenthaltserlaubnis: Es gibt eine Reihe von Gründen, weshalb Menschen keine Krankenversicherung haben. Wenn sie krank oder schwanger werden, sind sie auf ehrenamtliche Hilfe angewiesen.

(dpa) Der 49 Jahre alte Wohnungslose braucht neue Verbände für seine Füße. „Ich habe da Pilz und offene Wunden“, erzählt der Spanier. Obwohl der Sohn eines Gastarbeiters schon als Kleinkind nach Deutschland kam und die Sprache akzentfrei spricht, hat er keinen deutschen Pass – und auch keine Krankenversicherung. An diesem Morgen ist er einer der ersten Patienten in der Medizinischen Ambulanz des Vereins Armut und Gesundheit in Mainz.

Eine schwangere Somalierin (24) und ein Pole (52) mit Diabetes, Bluthochdruck und Knieproblemen waren vor ihm dran. „Medizin und Sozialarbeit gehen hier Hand in Hand“, berichtet Sozialarbeiterin Nele Kleinehanding, die ihr Zimmer gleich neben den drei Behandlungsräumen hat.

Seit 2013 werden in der Mainzer Ambulanz Menschen behandelt, die am Rand der Gesellschaft stehen. Viele haben keine Krankenversicherung, mehrere auch keine Wohnung. Manche sind Flüchtlinge ohne Aufenthaltspapiere. Einige haben Beitragsschulden, andere sind im Alter in die Armut gerutscht oder können das Geld für ihre Privatversicherung nicht mehr aufbringen, wie Kleinehanding berichtet. Viele kommen aus der EU – besonders aus Osteuropa. Ein anderer Schwerpunkt seien Deutsche in Altersarmut, die oft falsch beraten seien und nicht die Leistungen bekämen, die ihnen eigentlich zustünden.



Wie viele Menschen ohne Krankenversicherung in Deutschland leben, ist nicht bekannt. Das Bundesgesundheitsministerium verweist auf eine Erhebung des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2015, die von 79 000 ausgeht. Fachleute gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus und halten Hunderttausende für möglich.

Zwischen 410 und 480 Patienten im Quartal – mit und ohne Versicherung – kamen 2018 in die Medizinische Ambulanz in Mainz, deutlich mehr Männer als Frauen. Knapp die Hälfte hatte einen deutschen Pass. Mehr als 40 Mediziner gehören zu dem Netzwerk, das sich ehrenamtlich um die Patienten kümmert. Darunter ist der ehemalige Leiter der Mainzer Universitäts-Frauenklinik, Prof. Paul-Georg Knapstein. Dass er mal zwei Jahre in einer Landpraxis gearbeitet habe, helfe ihm in der Ambulanz, berichtet der 80-Jährige. „Da habe ich gelernt zu improvisieren.“

Die Verständigung mit den Patienten aus aller Welt sei meist kein Problem, sagt Knapstein. Englisch, Französisch, Spanisch und Türkisch werde im Team gesprochen, sagt Kleinehanding. Es gibt Anamnesebögen in 14 Sprachen, dazu ein Heftchen mit Bildern und Ausdrücken in mehreren Sprachen.

Zum Team gehören neben den ehrenamtlichen Ärzten mit ganz unterschiedlicher Fachrichtung auch 14 Angestellte und sieben Geringverdiener: Hebammen, Gesundheitspfleger, ein Schuldnerberater und ein Psychiater. Tobias Streer (30) etwa lernt Altenpfleger, hilft aber ehrenamtlich in der Ambulanz an der Aufnahme mit.

Viele Patienten hätten neben den gesundheitlichen noch andere gravierende Probleme, sagt Kleinehanding. Der Verein unterstütze sie dabei, „ins Regelsystem zurückzukehren“. Dabei würden die Menschen auch oft bei Behördengängen begleitet. Denn viele würden sonst abgewiesen, zurückgeschickt oder falsch beraten.

„Wir füllen eine Lücke im System, die es eigentlich nicht geben sollte“, betont die Sozialarbeiterin. Die Ampel-Landesregierung hat das Problem auch erkannt und fördert von Herbst an eine Beratungsstelle für Menschen ohne Krankenversicherung. Träger des Modellprojekts wird der Mainzer Verein sein. Ziel ist es, die Menschen in das System zurückzuführen.

Nicht-Versicherte finden in Rheinland-Pfalz und Hessen bei mehreren Organisationen Hilfe. Der Malteser Hilfsdienst ist inzwischen in 20 deutschen Städten präsent. Offenbach ist im April hinzugekommen.

„Der Bedarf hier in der Stadt und im Landkreis ist groß“, schätzt der Gastroenterologe Matthias Zimmer. Jeden Mittwoch öffnet die Praxis im Ketteler-Krankenhaus für zwei Stunden, mehr als 40 Patienten sind bisher in die Räume gekommen, die die Malteser dazu angemietet haben. Bundesweit kommen jährlich mehr als 7000 Patienten in die Sprechstunden des Malteser Hilfsdiensts, sagt Sabrina Odijk, die Angebote des Malteser Hilfsdienst bundesweit koordiniert. Mehr als 17 000 Behandlungen zählten die Mediziner.

Der unabhängige Mainzer Verein finanziert sich ausschließlich über Spenden – auch die Miete für die Ambulanz. Das Team arbeitet im Netzwerk mit anderen Vereinen zusammen, etwa bei Entbindungen oder wenn doch mal ein Dolmetscher gebraucht wird. Bei den Medikamenten helfen die Apotheker ohne Grenzen.

Initiator ist der Mainzer Sozialmediziner Prof. Gerhard Trabert. Vor mehr als 20 Jahren habe er sein Arztmobil gegründet, um Obdachlosen und Benachteiligten zu helfen, berichtet Kleinehanding. Bald hätten auch andere Menschen an die Scheiben geklopft und es sei klar geworden, dass sie mehr Schutzräume bräuchten.

(dpa)