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„Traktorenkette“
Wut auf dicken Rädern

 Mit ihrer „Traktorenkette“ verstopften die aufgebrachten Bauern mit zahlreichen Fahrzeugen unter anderem die Straßen in Klein-Winternheim südlich von Mainz.
Mit ihrer „Traktorenkette“ verstopften die aufgebrachten Bauern mit zahlreichen Fahrzeugen unter anderem die Straßen in Klein-Winternheim südlich von Mainz. FOTO: dpa / Frank Rumpenhorst
Mainz. Landwirte in Rheinland-Pfalz sind aufgebracht über die Agrarpolitik des Bundes. Mit einer Traktorenkette zeigen sie ihren Unmut.

(dpa) Durch eine Fahrt mit etwa 800 Traktoren durch Rheinhessen haben Bauern aus mehreren Regionen in Rheinland-Pfalz am Freitag ihren Unwillen über das Bild der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit zum Ausdruck gebracht.

Mit der Fahrt zum Sitz des ZDF in Mainz-Lerchenberg werde die Forderung nach einer fairen Berichterstattung verbunden, sagte ein Sprecher der Organisation „Land schafft Verbindung“. Es werde oft zu negativ über die Landwirte berichtet.

Ein ZDF-Sprecher sagte nach einem rund einstündigen Gespräch mit Vertretern der Landwirte, es sei das gemeinsame Anliegen gewesen, miteinander in den Dialog zu kommen. „Es war ein sehr konstruktives Gespräch über Themen der Landwirtschaft.“



Der Protest richtete sich daneben auch erneut gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung, insbesondere gegen die geplante neue Düngeverordnung. Diese schränkt das Düngen mit Stickstoff deutlich ein, um die Nitratbelastung des Grundwassers zu verringern und damit auch Vorgaben der EU zu erfüllen. Die Veranstalter kritisierten außerdem die für Samstag in Berlin angekündigte Demonstration „Wir haben es satt“, deren Unterstützer der Landwirtschaft vorwerfen, auf Kosten von Umwelt, Tieren und Klima zu produzieren.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion im Mainzer Landtag, Marco Weber, sagte: „Die Zukunftssorgen der Branche sind enorm.“ Die Agrarbranche brauche endlich Planungssicherheit und verlässliche Rahmenbedingungen für ihre Arbeit. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) müsse ihrer Verantwortung gerecht werden. Sie müsse zu den von ihr gefassten Vereinbarungen mit der EU stehen, forderte Weber, der selbst Landwirt in der Eifel ist.

Der rheinland-pfälzische Landwirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) hatte im November vor einigen hundert demonstrierenden Bauern in Mainz einen Agrargipfel für Anfang 2020 angekündigt, um die Landwirte zu unterstützen und ihre Vorschläge zu besprechen. Dabei werde es auch um die Standorte der Messstellen für Nitrat im Grundwasser gehen. „Das Treffen ist Minister Wissing sehr wichtig“, sagte eine Sprecherin seines Ministeriums am Freitag. Der runde Tisch sei in Planung, ein Termin werde derzeit abgestimmt.

Nach Angaben eines Polizeisprechers nahmen etwa 800 Traktoren an der Aktion teil. Es sei zu Beeinträchtigungen im Feierabendverkehr gekommen, die sich aber in Grenzen gehalten hätten.

„Wir haben das Ziel von 1300 Traktoren nicht gepackt, aber dennoch eine erstaunliche Länge von 40 Kilometern hin und zurück erreicht“, sagte der Sprecher von „Land schafft Verbindung“.

Die Bauerndemonstrationen finden nach Einschätzung des Protestforschers Simon Teune in der Gesellschaft mehr Verständnis als die Klimaschutzbewegung „Fridays for Future“. „Es gibt ein weiter verbreitetes Wohlwollen den Bäuerinnen und Bauern gegenüber – im Vergleich zu den Klimaprotesten“, sagte der Forscher von der Technischen Universität Berlin der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. „Dass es so eine eher romantisierende Vorstellung der Bauern gibt, kommt ihnen zugute.“

So sei es den Landwirten nicht zum Nachteil ausgelegt worden, als sie mit ihren Trekkern in den Städten den Verkehr verstopften. Als Umweltschützer der Gruppe Extinction Rebellion ein paar Tage eine Kreuzung dicht gemacht hätten, sei dagegen gleich über eine Radikalisierung in der Klimabewegung gesprochen worden.

In der Landwirtschaft gebe es derzeit zwei Protestbewegungen, die von unterschiedlichen Interessen ausgingen, sagte Teune mit Blick auf die Organisation „Land schafft Verbindung“ einerseits und die für Samstag bei der Grünen Woche geplante Demo „Wir haben es satt“ andererseits. In Berlin werde – anders als bei „Land schafft Verbindung“ – bereits zum zehnten Mal eine ökologische Agrarwende eingefordert. Daran werde deutlich, dass die Menschen, die in Deutschland Lebensmittel erzeugten an mehreren Fronten zu kämpfen hätten, aus unterschiedlichen Perspektiven nicht zufrieden sein könnten.

Teune sieht aber auch eine Gemeinsamkeit von Bauernprotesten und „Fridays for Future“. Beide Gruppen verträten eine pragmatische Haltung und verträten die Haltung: „Alle sitzen in einem Boot.“

(dpa)