| 22:20 Uhr

Erlebter Atomausstieg
Kontrollierter Kollaps eines AKW-Kühlturms

 Der Kühlturm des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich ist am Freitag kontrolliert zusammengestürzt, nachdem Bagger die Stützen entfernt hatten.
Der Kühlturm des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich ist am Freitag kontrolliert zusammengestürzt, nachdem Bagger die Stützen entfernt hatten. FOTO: dpa / Thomas Frey
Mülheim-Kärlich. Deutlicher kann der Atomausstieg kaum vor Augen geführt werden. Krachend stürzt der Kühlturm des AKW Mülheim-Kärlich zusammen. In nicht mal dreieinhalb Jahren geht in Deutschland das letzte AKW vom Netz. Geschafft ist der Ausstieg damit aber nicht.

(dpa) Kurz vor dem großen Moment kommt die Sonne hinter den Wolken hervor. Dann versinkt der einst weithin sichtbare Kühlturm des Atomkraftwerks Mülheim-Kärlich bei Koblenz in einer Staubwolke. Damit ist ein entscheidender Schritt beim Rückbau dieses Meilers geschafft, der nur 13 Monate am Netz war. Seine Abschaltung liegt über 30 Jahre zurück. Der endgültige Turmabriss stehe für „das Ende der gefährlichen Atomenergie in Rheinland-Pfalz“, bilanzierte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), die am Freitag gemeinsam mit Umweltministerin Ulrike Höfken von den Grünen extra auf das Kraftwerksgelände gekommen war.

Der Rückbau des RWE-AKW Mülheim-Kärlich läuft seit 2004, die letzten Brennelemente wurden bereis im Sommer 2002 abtransportiert. Bis das Kraftwerk bis auf die grüne Wiese zurückgebaut sein wird, wird vermutlich noch ein Jahrzehnt vergehen. Noch sind etwa der Reaktordruckbehälter und der Dampferzeuger im Reaktorgebäude. Am Ende wird eine Gesamtmasse von 500 000 Tonnen weggeschafft sein. Teile des Generators etwa kamen schon nach Ägypten, wo sie in einem konventionellen Kraftwerk eingesetzt werden.

Am Kühlturm hatte einst auch ein Falke seinen Horst, er wurde extra umgesiedelt auf einen nahe gelegenen Funkmast. Arbeiteten einst 650 Menschen in dem AKW, waren es in den vergangenen Jahren deutlich weniger, die den stückweisen Abbau vornahmen. „Hausbau rückwärts“, nannte das mal ein RWE-Sprecher. Viel wurde über die Nachnutzung des Geländes diskutiert. Mal wurde an ein Kohlekraftwerk gedacht, das verwarf RWE. Strom wird hier künftig nicht mehr produziert, nach und nach werden Flächen in eine andere gewerbliche Nutzung überführt, einen Teil des Areals hat beispielsweise eine Kranfirma gekauft.



Der Maler Anselm Kiefer hatte sogar mal den Plan, den Kühlturm für ein Kunstprojekt zu erwerben. Dem erteilte 2011 die damalige rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Eveline Lemke eine Absage. „Sein Interesse, in Rheinland-Pfalz zu arbeiten, freut uns“, sagte die Grünen-Politikerin damals. „Aber das Objekt seiner Begierde ist für uns dann am interessantesten, wenn es verschwunden ist.“

Das ist jetzt der Fall und fühlt sich noch etwas seltsam für Menschen aus der Gegend an. Thomas Przybylla (CDU), Bürgermeister der Verbandsgemeinde Weißenthurm, deren größte Kommune Mülheim-Kärlich ist, sagt: Über Jahrzehnte habe der Kühlturm das Erscheinungsbild der Region geprägt. „Es wird sicherlich eine Zeit lang dauern, bis man sich hier an das neue Panorama gewöhnt hat.“

Auf dem Rückzug ist die Kernkraft in Deutschland weit über Mülheim-Kärlich hinaus. Noch sind sieben Reaktoren zur Stromerzeugung in Betrieb. Bis Ende dieses Jahres scheidet Philippsburg 2 aus, bis Ende 2021 sind Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C dran. Die drei letzten sind Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2. Am 31. Dezember 2022 ist Schluss. Rückgebaut wird derzeit an einer ganzen Reihe von AKW-Standorten.

Geschafft ist der Atomausstieg damit aber noch lange nicht. Denn irgendwo muss der strahlende Müll hin - ein Endlager für hoch radioaktiven Atommüll gibt es noch nicht. An Atomkraftwerken oder in der Nähe wurden Zwischenlager gebaut, außerdem gibt es zentrale Zwischenlager in Gorleben, Ahaus und bei Lubmin. Ob die ausreichend geschützt sind, etwa auch vor Terrorangriffen, bezweifeln Kritiker immer wieder. Problematisch außerdem: In den 30er Jahren laufen Genehmigungen aus. Bis dahin wird es kein Endlager geben.

Die Atomkonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall hatten 2017 insgesamt knapp 24 Milliarden Euro für die Zwischen- und Endlagerung des Nuklearmülls an einen Staatsfonds überwiesen. Anlage-Experten sollen daraus bis zum Jahr 2100 rund 169 Milliarden machen. So viel kostet die Entsorgung Prognosen zufolge. Viele sind skeptisch, ob es gelingt, das Geld so zu vermehren und ob es am Ende reicht.

„Neben dem Rückbau der Kraftwerke liegt die große gesellschaftliche Herausforderung in der Entsorgung ihrer hoch radioaktiven Abfälle“, sagt die Vizepräsidentin des Bundesamts für Entsorgungssicherheit, Silke Albin. „Sie sind eine Gefahr für hunderttausende von Jahren.“

(dpa)