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Praktisches Jahr für Ärzte
Wo Nachwuchsmediziner für den Alltag üben

Zur Ausbildung, die angehende Mediziner in ihrem Praktischen Jahr in einer Klinik absolvieren, gehört, dass sie bei Operationen dabei sind und auch schon mal eine Wunde vernähen dürfen.
Zur Ausbildung, die angehende Mediziner in ihrem Praktischen Jahr in einer Klinik absolvieren, gehört, dass sie bei Operationen dabei sind und auch schon mal eine Wunde vernähen dürfen. FOTO: dpa / Christian Charisius
Bad Kreuznach. Nach der Theorie an der Universität steht bei angehenden Ärzten zwölf Monate lang die Praxis im Vordergrund. Sie sammeln dann Erfahrungen im Krankenhaus. Viele bewerten ihr Lernjahr insgesamt positiv — trotz einiger Kritikpunkte.

Das Praktische Jahr (PJ) in einem Krankenhaus soll Medizinstudenten auf ihren späteren Arztalltag vorbereiten. Etliche Nachwuchsärzte in Rheinland-Pfalz sind mit ihrem Lernjahr zufrieden. In der Kritik stehen bei einigen Lernenden aber die Bezahlung und der PJ-Unterricht.

Seit 2005 können PJ-ler ihre Ausbildungsstätten in Deutschland auf der Internetplattform PJ-Ranking benoten und kommentieren. Pro Jahr kommen laut Betreiber rund 2000 Berichte hinzu. Für viele rheinland-pfälzische Krankenhäuser gibt es auf der Seite gute Noten. Dazu gehören beispielsweise die Hunsrück Klinik in Simmern und die Krankenhäuser in Bad Kreuznach.

In der Stadt an der Nahe macht die 25-jährige Franziska Stern seit dem Frühjahr ihr PJ. Sie sagt: „Ich bin sehr zufrieden.“ Sie nehme beispielsweise Blut ab, übe den Umgang mit medizinischen Geräten oder sei bei der Visite dabei. Auch im OP-Saal habe sie schon geholfen. „Für mich war das interessant, weil ich dadurch viel sehen konnte“, erzählt Stern. Im OP-Saal dürfe sie manchmal nähen. „Das ist, denke ich, schon das Maximale, was wir machen können.“



Johanna Müller, die ihr PJ im Sommer abgeschlossen hat, erinnert sich mit gemischten Gefühlen an ihr Lernjahr in Bad Kreuznach und Mainz. Es habe neben guten Erfahrungen auch Defizite gegeben. „Ich hatte eigentlich kaum PJ-Unterricht.“ In einer Klinik sei viel Unterricht ausgefallen. In der anderen habe sie ihn oft verpasst, weil sie im OP-Saal helfen musste, sagt sie. Aus ihrer Sicht sollte der Unterricht gewährleistet werden. „Es ist immer etwas anderes, ob man einen Lehrer hat oder selbst ins Buch schaut.“

Der 25-jährige Nicolas Burg steht kurz vor dem Ende seines Lernjahres in Trier und ist nach eigener Aussage zufrieden. Im Studium komme die Praxis relativ kurz, die einjährige Arbeit in der Klinik sei deshalb eine sinnvolle Ergänzung. Ebenfalls positiv äußert sich Daniel Weißmann, der in Kaiserslautern lernt. „Ich fühle mich sehr gut im PJ aufgehoben“, sagt der 32-Jährige. Gut finde er, dass in seinem Fall nicht nur die medizinische Praxis vermittelt werde. Im PJ-Unterricht lerne er beispielsweise auch, welche Versicherungen für ihn als Arzt später wichtig seien.

Mit dem Maß an Verantwortung, das sie tragen müssen, sind die PJ-ler nach eigener Aussage ebenfalls zufrieden. Der Arzt Frank Faßbinder vom Brüderkrankenhaus in Trier erklärt, wie viel die Studenten selbstständig erledigen dürften, hänge von der jeweiligen Abteilung ab. Wer in den Beruf hineinwachse, lerne dabei auch mit der Verantwortung umzugehen. „Die PJ-ler werden da noch relativ sanft rangeführt.“

Das PJ bedeutet für die Lernenden eine Vollzeitbeschäftigung. Dafür bekommen sie in der Regel ein paar Hundert Euro – je nach Klinik unterscheidet sich die Bezahlung. Sie habe in Bad Kreuznach 600 Euro bekommen, erzählt Müller. In Mainz sei es weniger gewesen. „Das reicht zum Leben definitiv nicht.“ Sie habe daher am Wochenende nebenher gearbeitet, um Geld zu verdienen.

PJ-ler Weißmann sagt, in anderen Bereichen würden Menschen, die ihr Studium fast abgeschlossen hätten, besser verdienen. Der angehende Arzt Burg betont dagegen, ein PJ-ler sei immer noch ein Student. Normalerweise gebe es für ein Studium gar kein Geld.

Vorher kommt dann die kritische Haltung bei einigen? Durch den starken Wettbewerb um Nachwuchskräfte seien die Ansprüche der angehenden Ärzte gestiegen, sagt Arzt Faßbinder. Es gebe keine Angst, später als Mediziner keine Arbeit zu finden. Er selbst habe bei seinem Lernjahr vor 20 Jahren kein Geld bekommen. „Bei uns war das noch normal, dass man das gemacht hat – für Umme.“

Ist das PJ denn eine gute Basis für den späteren Arztalltag? „Die sind schon ganz gut vorbereitet“, sagt Manfred Dahm. Er ist Chefarzt an einer Klinik in Kaiserslautern. Die Theorie werde im Wesentlichen schon vorher behandelt, für den praktischen Teil der Ausbildung sei das PJ gut geeignet. Etwas Vergleichbares gebe es in vielen Nachbarländern nicht. „Aber natürlich muss man in der Facharztausbildung noch eine ganze Menge dazulernen.“

Die PJ-ler beurteilen das oft ähnlich und sprechen von einer guten Basis. Müller schränkt etwas ein: „Ich habe im PJ schon was gelernt.“ Aber weil ihr Fach sehr spezifisch sei, habe sie sich nicht gut auf den ersten Arbeitstag vorbereitet gefühlt, sagt sie.

Generell scheint es einige Übereinstimmungen bei den Bewertungen durch PJ-Studenten zu geben – nicht nur in Rheinland-Pfalz. Seit dem Start der Seite PJ-Ranking habe sich dem Betreiber zufolge die Noten in allen erfassten Bereichen durchgehend verbessert. Oft gebe es noch Kritik für die Selbstverständlichkeit, mit der PJ-ler etwa für die seiner Meinung nach wenig ausbildungsrelevante Blutentnahmen eingeteilt würden.

Positiv falle auf, „dass viele Krankenhäuser und Universitäten seit ein paar Jahren versuchen, das PJ besser zu strukturieren und sicherzustellen, dass essentielle Lehrinhalte tatsächlich vermittelt werden“. Oft gebe es auch Lob für die Zusammenarbeit mit Ärzten und Schwestern.

(dpa)