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Freiheit zum Verzicht
Kirchen und Politiker rufen zum Fasten auf

So karg muss ein Fastenessen nicht sein. Es gibt viele Möglichkeiten, Verzicht zu üben, sagen Kirchenvertreter und Politiker.
So karg muss ein Fastenessen nicht sein. Es gibt viele Möglichkeiten, Verzicht zu üben, sagen Kirchenvertreter und Politiker. FOTO: Armin Weigel / dpa
Mainz. Alkoholverzicht, Rad statt Auto, Wandern, ein Opfergottesdienst — für die Zeit zwischen Aschermittwoch und Karsamstag gibt es in Rheinland-Pfalz eine Fülle von Angeboten.

Besinnung nach ausgelassenem Fastnachtstrubel: Mit vielfältigen Vorsätzen gehen Christen in Rheinland-Pfalz am Aschermittwoch in die siebenwöchige Fastenzeit bis Ostern. „Für mich gibt das Kirchenjahr die ganze Bandbreite des menschlichen Lebens wieder, zwischen Freude und Trauer“, sagte der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf. „Ich kann die Freude nur feiern, wenn ich den Blick auf die ernsten Zeiten in mir trage, auch das Leid anschaue.“

Die Vorsätze und Aktionen zur Fastenzeit sind weit gespannt: mal geht es mehr um körperliche Gesundheit, mal um spirituelle Einkehr oder auch um ökologische Impulse. So laden die Bistümer Trier und Mainz zusammen mit den Evangelischen Kirchen im Rheinland und in Hessen-Nassau sowie weiteren Organisationen unter dem Motto „Autofasten“ dazu ein, die Zahl der Pkw-Fahrten zu reduzieren. Das kann die völlige Vermeidung des Autos und das Umsteigen aufs Fahrrad bedeuten, aber auch die Bildung von Fahrgemeinschaften oder die Nutzung von Bussen und Bahnen. Das Ziel ist, einen Beitrag zur Reduzierung der CO2-Emissionen zu leisten, aber auch neue Begegnungen und Kommunikation zu erfahren.

Auch Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) warb am gestrigen Dienstag für die Aktion: „Autofasten ist eine gute Gelegenheit, Alternativen zum Auto auszuprobieren.“ In diesem Jahr würden voraussichtlich 2000 Autofahrer aus Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Luxemburg teilnehmen.



Die Fastenaktion der evangelischen Kirche, „7 Wochen Ohne“, will dazu ermutigen, Konsum und Lebensstil zu überdenken und zumindest auf Zeit anders zu gestalten als sonst: „Wir brechen mit Gewohnheiten, selbstverständlichen Gesten des Alltags, machen etwas anders als sonst und bringen damit, leise und ohne ruckartige Bewegungen, gewohnte Ordnungen durcheinander.“

Der evangelische Dekan von Mainz, Andreas Klodt, sieht in den Einschnitten des Jahreslaufs eine wichtige Hilfe: „Wir Menschen können nicht leben, ohne dass es geprägte Zeiten gibt.“ Die Passionszeit vor Ostern sei „eine Zeit der Reflexion vor Gott“, sagte Klodt. Dazu gehöre auch, sich neu der persönlichen Haltung im Alltag und in der Gesellschaft zu vergewissern.

Die in Mainz gelebte protestantische Frömmigkeit sei von Freiheit gekennzeichnet, sagte Klodt und wies hin auf die Gründung der evangelischen Kirche in Mainz 1802 im Geist der Aufklärung. Den Fragen nach Macht und Ohnmacht, Milde und Verzeihen, will Klodt in einem Operngottesdienst am 4. März nachgehen, wenn seine Predigt von Sängern des Mainzer Staatstheaters mit Arien aus der Mozart-Oper „La Clemenza di Tito“ umrahmt wird.

Beim Fastenwandern steht zunächst die körperliche Reinigung im Mittelpunkt. Nicht sportliche Höchstleistung oder Selbstquälerei, sondern „ein großartiger Gesundbrunnen für unseren Körper, für unsere Sinne und für unser Gemüt“, so versprechen es etwa die Fastenwanderungen von Christoph Michl in Kaiserslautern, die ab März an die Ostsee, in den Spreewald, die Eifel und ins Ahrtal führen. „Wir geben spirituelle Impulse wie Meditationen“, sagte eine Sprecherin. „In den Gesprächen der Mitwanderer kann sich dann alles weiter entwickeln.“

In der Aschermittwochsmesse bekommen katholische Gläubige ein Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet.
In der Aschermittwochsmesse bekommen katholische Gläubige ein Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet. FOTO: Roland Weihrauch / dpa