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Mehr Schwerpunktjugendämter geplant
Junge Flüchtlinge sollen besser betreut werden

Die Aufnahme und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen soll in der Verantwortung der kommunalen Jugendämter in Rheinland-Pfalz bleiben.
Die Aufnahme und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen soll in der Verantwortung der kommunalen Jugendämter in Rheinland-Pfalz bleiben. FOTO: Carsten Rehder / dpa
Mainz. Bei jedem fünften Antrag auf Hilfen für minderjährige Flüchtlinge hat das Jugendamt Trier eine Volljährigkeit festgestellt — auch ohne eine medizinische Altersprüfung. Rheinland-Pfalz will das Konzept von Schwerpunktjugendämtern weiter ausbauen.

Nach dem Gewaltverbrechen an einem 15-jährigen Mädchen in Kandel will Rheinland-Pfalz die psychosoziale Betreuung junger Flüchtlinge verbessern. Jugend- und Integrationsministerin Anne Spiegel (Grüne) kündigte gestern ein entsprechendes Konzept an und sagte: „Viele, die zu uns kommen, sind traumatisiert.“ Aufnahme und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen soll in der Verantwortung der kommunalen Jugendämter bleiben. Bei der Altersfeststellung und Einschätzung des Hilfebedarfs setzt das Ministerium auf einen Ausbau des Konzepts der Schwerpunktjugendämter, von denen es bislang drei gibt – in Trier, im Kreis Mainz-Bingen und in Kusel. Diese übernehmen zurzeit für 13 von 41 Jugendämtern das Clearing-Verfahren für neu ankommende junge Flüchtlinge; sechs weitere sollen demnächst hinzukommen.

Nach einer Vielzahl von Belastungen im Herkunftsland wie auf der Flucht gebe es bei den jungen Menschen „keinen Moment, in dem die Gefahr nicht besteht, dass sie eingeholt werden von ihrer Vergangenheit“, sagte der Leiter des Trierer Jugendamts, Carsten Lang, bei einem Pressegespräch des Ministeriums in Mainz. Manche versteckten sich unter einem Tisch, wenn ein Buch zu Boden falle. Andere liefen weg, und manche entwickelten Aggressionen. „Damit Menschen bereit sind, an ihren Traumatisierungen zu arbeiten, brauchen sie tragfähige Beziehungen zu Menschen.“

Bei der Altersprüfung von jungen Flüchtlingen hat das Jugendamt Trier im vergangenen Jahr in etwa jedem fünften Fall eine Volljährigkeit festgestellt. „Es ist mitnichten so, dass die Jugendämter stets die Eigenangaben übernehmen“, sagte Lang. Von 109 Erstkontakten im vergangenen Jahr seien 24 Prozent bei der „qualifizierten Inaugenscheinnahme“ als älter eingestuft worden als von ihnen angegeben, berichtete Lang. Von diesen 26 Flüchtlingen seien sechs als noch minderjährig und 20 als volljährig eingestuft worden. Eine medizinische Überprüfung sei in keinem Fall erforderlich gewesen.



Es treffe nicht zu, dass eine medizinische Überprüfung genauer sei, sagte Ministerin Spiegel. „Wer so etwas behauptet, dass man punktgenau auch das Alter feststellen kann, der streut den Menschen Sand in die Augen.“ Medizinische Verfahren könnten in Einzelfällen allenfalls eine Ergänzung sein. Zu den Altersfeststellungen aller Jugendämter, die insgesamt 2700 junge Flüchtlinge betreuen, hat das Ministerium jetzt eine Erhebung gestartet.

In der südpfälzischen Stadt Kandel war am 27. Dezember ein 15-jähriges Mädchen bei einer Messerattacke so schwer verletzt worden, dass es starb (wir berichteten). Als verdächtig gilt der ehemalige Freund, ein nach offiziellen Angaben gleichaltriger Flüchtling aus Afghanistan. Dessen Altersfeststellung wurde in Frankfurt am Main vorgenommen, wie die rheinland-pfälzische Landesjugendamtsleiterin Birgit Zeller mitteilte. Nun soll ein medizinisches Gutachten für Klarheit sorgen, ob er möglicherweise älter ist als angegeben.

(dpa)