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Ist das Weltkulturerbe in Gefahr?

Der Lorcher Bürgermeister Jürgen Helbing greift unbeirrt nach der Windkraft, um seine Gemeinde zu sanieren.Foto: Alexander Heinl/dpa
Der Lorcher Bürgermeister Jürgen Helbing greift unbeirrt nach der Windkraft, um seine Gemeinde zu sanieren.Foto: Alexander Heinl/dpa FOTO: Alexander Heinl/dpa
Lorch/Mainz/Wiesbaden. Wegen einer neuen Brücke über die Elbe hat Dresden vor ein paar Jahren den Welterbestatus verloren. Nach Ansicht der Unesco könnte am Mittelrhein wegen geplanter Windräder Ähnliches passieren. dpa-Mitarbeiter Thomas Maier

Bürgerinitiativen gegen die Windkraft gibt es viele in Deutschland. Die "ProKulturlandschaft Rheingau" gehört sicher zu den erfolgreichsten. In Oestrich-Winkel und Eltville ist der Bau von Windrädern bereits zu Fall gebracht worden. Nun kämpft die Initiative gegen vier Windräder in Lorch, das zum Unesco-Weltkulturerbe am Oberen Mittelrhein gehört. "Das Projekt gefährdet die Existenz des gesamten Rheintals", glaubt Bürgerinitiativen-Sprecher Hans Lange.

Der Buhmann ist Lorchs langjähriger Bürgermeister Jürgen Helbing. In der 3800-Einwohner-Stadt am nordwestlichen Zipfel des Rheingaus möchte der CDU-Politiker von der Verpachtung des Windparks an den Karlsruher Energiekonzern EnBW profitieren. Für 2018 hat Helbing, der den Rat der Gemeinde geschlossen hinter sich weiß, im Haushalt schon mal 300 000 Euro aus den Einnahmen eingeplant.

Der 2012 noch von der CDU /FDP-Regierung beschlossene Ausbau der Windkraft in Hessen hat auch Vorranggebiete für Lorch ausgewiesen. Auf einem davon, dem Ranselberg im Wispertal, will EnBW vier Anlagen mit einer Nabenhöhe von 150 Metern und einer Gesamthöhe von rund 200 Metern bauen. Das Gebiet gehört zur Pufferzone im Welterbegebiet. In der Kernzone ist der Bau von Windrädern untersagt.



Vom Rheintal seien die Anlagen mindestens fünf Kilometer entfernt, argumentiert Helbing. Von dort aus sei kaum etwas zu sehen. Die von seinen Gegnern verteilten Flugblätter, die riesige schwarze Rotorblätter über dem Rheintal zeigen, hält er für einen "Witz". Er räumt aber ein, dass die Windräder zum Beispiel von der Burg Sooneck auf der rheinland-pfälzischen Seite sichtbar seien. "Windräder tun keinem Menschen weh", so Helbing.

Das rund 65 Kilometer lange Rheintal zwischen Rüdesheim/Bingen und Koblenz ist seit 2002 Unesco-Welterbe. Aus Sicht von Hessens einstigem obersten Landesdenkmalpfleger Gerd Weiß, ebenfalls Mitglied der Bürgerinitiative, bedrohen Windräder die "visuelle Integrität" am Mittelrhein. Denn der Lorcher Park sei sowohl vom Loreley-Felsen wie auch vom Osteinschen Park bei Rüdesheim zu sehen. Weiß verweist auf die "hohe Denkmalsdichte der landschaftsprägenden Elemente" am Mittelrhein und im Rheingau. Dazu zählt er neben den Rheinburgen etwa auch das Schloss Johannisberg. Dort wurde Ende Februar der "Johannisberger Appell" der Windkraftgegner verabschiedet. Die flammendste Rede hielt der Vater des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg , Enoch zu Guttenberg. Der Dirigent und Waldbesitzer verglich dabei die "Verschandelung" der Landschaft durch Windräder sogar mit den Zerstörungen der Terrormiliz IS im syrischen Weltkulturerbe Palmyra.

Die Unesco hat sich ebenfalls eingeschaltet. Deren deutscher Generalsekretär Roland Bernecker hat in Briefen an Hessens Regierungschef Volker Bouffier (CDU ) und dessen rheinland-pfälzische Amtskollegin Malu Dreyer (SPD ) erklärt, der Bau von Windrädern in der Pufferzone setze den Status als Welterbe aufs Spiel.

Die Mainzer Regierung gibt sich besonders sensibel gegenüber den Lorcher Plänen, weil sie inzwischen den eigenen Gemeinden am Rhein ähnliche Projekte untersagt hat. Allerdings hat Rheinland-Pfalz das Hinterland im nahen Hunsrück mit Windrädern zugepflastert. 61 könne er von der Lorcher Kammhöhe über dem Rhein zählen, meint Bürgermeister Helbing süffisant. Die beiden Landesregierungen haben sich nun zusammen mit der Stadt Lorch auf eine neue "Sichtachsen-Analyse" geeinigt. Übernehmen wird dies der Projektbetreiber EnBW, der dabei aber die Methodik der Unesco aus einem früheren Gutachten übernehmen will. Dann soll die Studie der Weltkulturorganisation vorgelegt werden.

Die Bürgerinitiative hofft indessen auf "Einsicht". Am Mittelrhein dürfe es nicht zu ähnlich verhärteten Fronten kommen wie vor einigen Jahren in Dresden, sagt Weiß. Dem Elbtal war nach dem Bau der Waldschlößchenbrücke 2009 der Welterbetitel aberkannt worden. Dagegen hält Bürgermeister Helbing die Pachteinnahmen aus der Windkraft für existenziell: "Ich habe die Verpflichtung, nach allen Möglichkeiten zu greifen, um den Haushalt auszugleichen."