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Immer mehr Protestanten verlassen Kirche

Mainz. Nach Missbrauchsskandalen und der Affäre um Bischof Tebartz-van Elst bricht die nächste Austrittswelle über die Kirchen herein. Als Anlass gilt eine Änderung des Einzugs der Kirchensteuer auf Kapitalerträge. Die Höhe bleibt gleich, ab 2015 ziehen aber die Banken ein. dpa-Mitarbeiter David Ehl

Immer mehr Protestanten in Rheinland-Pfalz treten nach Einschätzung der evangelischen Kirchen aus ihrer Gemeinde aus. Das ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa. Oberkirchenrat Stephan Krebs von der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau (EKHN) führt dies vor allem auf die Änderung des Kirchensteuereinzugs auf Kapitalerträge zurück. Ab 2015 führen die Banken die Kirchensteuer direkt auf die Kapital- und Zinserträge ihrer Kunden ab. Die Höhe der Steuer ändert sich zwar nicht. Bisher vertraut die Kirche jedoch auf die ehrlichen Angaben ihrer Mitglieder bei der Steuererklärung. Dieses Schlupfloch wird mit der Änderung geschlossen, zudem erhalten Banken Einsicht in die Religionszugehörigkeit ihrer Kunden.

"Wir haben es in seiner Heftigkeit unterschätzt", sagte Krebs in Darmstadt. Die EKHN, die sich auch auf Rheinhessen und den Westerwald erstreckt, verlor im ersten Halbjahr dieses Jahres 8000 Mitglieder, auf das Jahr gerechnet deutet sich ein neuer Rekord an Austritten an. In durchschnittlichen Jahren verzeichnet die EKHN jährlich etwa 10 000 bis 11 000 Austritte bei 1,66 Millionen Mitgliedern. 2013 bewegte der "Limburg-Effekt" wegen des umstrittenen Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst nach Krebs' Einschätzung rund 13 000 Menschen, der EKHN den Rücken zu kehren. Ein Austritt sei keine spontane Handlung, sondern folge auf einen Anlass, sagte Krebs.

Auch der Evangelischen Kirche im Rheinland machen Kirchenaustritte weiter zu schaffen. Nach einer Hochrechnung seien 2013 gut 19 000 Menschen ausgetreten, teilte eine Sprecherin in Düsseldorf mit. Das seien 37 Prozent mehr als 2012. Für 2014 gebe es noch keine Zahlen: "Aber aus ersten Auskünften einzelner Verwaltungsämter können wir leider absehen, dass die Austritte auch in diesem Jahr in vergleichbarer Größenordnung zunehmen." Es scheine so, dass das neue Steuerverfahren Anlass für Austritte sei. Die Evangelische Kirche im Rheinland zählte Anfang 2014 rund 2,7 Millionen Mitglieder. Vor zehn Jahren waren es noch 2,96 Millionen. Von rund 730 Kirchengemeinden vom Niederrhein bis an die Saar liegen etwa 180 in Rheinland-Pfalz.

Die Evangelische Kirche der Pfalz hat Hinweise, dass die künftige Neuerung der Kirchensteuer zu Austritten geführt haben könnte. Zwar lägen keine belastbaren Zahlen vor, aber Rückmeldungen aus Gemeinden zeigten eine Zunahme der Austritte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, berichtete Sprecher Wolfgang Schumacher. Ob die Austritte tatsächlich auf die Änderungen zurückgingen, könne er nicht sagen, weil die Gründe nur in den seltensten Fällen genannt würden.

In Rheinland-Pfalz nehmen die Einwohnermeldeämter Austrittsgesuche entgegen. Die Kirche versuche aber, über Gemeindebriefe, Homepages und in Gesprächen klarzumachen, dass es nicht um eine neue Form der Kirchensteuer gehe, sondern nur um ein vereinfachtes Verfahren, sagte Schumacher. Er verglich die aktuellen Austritte mit der Einführung des Solidaritätszuschlags Anfang der 1990er Jahre, dessen steuerliche Mehrbelastungen zahlreiche Kirchenmitglieder mit einem Austritt auffingen. "Die Erfahrung zeigt, dass sich bei Änderungen im Steuersystem allgemein oder bei zusätzlichen Belastungen in anderen Bereichen die Zahl der Kirchenaustritte erhöht", so Pfalz-Kirchensprecher Schumacher.

Das reformkatholische Laienbündnis "Wir sind Kirche" meinte, die Neuerung sei finanziell für die Kirchen nicht unbedingt nötig. Es sei immer so gewesen, dass die Zahl der Austritte wächst, wenn sich mit den Finanzen etwas ändere, sagte dazu der Sprecher des Bündnisses im Bistum Trier , Hanspeter Schladt . "Ich kann mir vorstellen, dass einzelne Berater zum Austritt geraten haben, aber die Banken haben das zurückgewiesen", sagte Schladt .

Der Bundesverband deutscher Banken steht der Änderung neutral gegenüber. "Das neue Verfahren wurde maßgeblich auf Initiative der Kirchen eingeführt", teilte eine Sprecherin mit. Die Kreditinstitute seien dabei nur durchleitende Instanzen. "Schon insoweit besteht für die Kreditinstitute keinerlei Veranlassung, in diesem Zusammenhang irgendwelche Empfehlungen auszusprechen", sagte die Sprecherin.

Inwieweit es auch bei der katholischen Kirche zu einer neuen Austrittswelle wegen der neuen Steuerregelung kommt, ist bisher unklar. Sie veröffentlicht nur einmal jährlich ihre Mitgliederzahlen. Die katholischen Bistümer in Rheinland-Pfalz klagten einhellig über viele Austritte im Jahr 2013.