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Rheinland-Pfalz stellt 18 Millionen Euro für Vorsorge bereit
Hochwasserschutz wird wichtiger

In Waldgrehweiler im Donnersbergkreis wird auf einem Rundweg mit Fotos und Erklärungen das Ausmaß der Flut von 2014 dargestellt.
In Waldgrehweiler im Donnersbergkreis wird auf einem Rundweg mit Fotos und Erklärungen das Ausmaß der Flut von 2014 dargestellt. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Waldgrehweiler. Starker Regen und Hochwasser treten immer öfter auf und sorgen für große Schäden. Das hat ein kleiner Ort in der Pfalz zu spüren bekommen. Inzwischen schützt er sich vor Hochwasser. Schon länger Erfahrung haben die Sachsen seit dem Jahrhundert-Hochwasser.

Es ist ein Ort voller Idylle. Zwei Bäche rauschen friedlich durch Waldgrehweiler. Das Dorf am nördlichen Rand der Pfalz mit seinen rund 220 Einwohnern ist herausgeputzt, mitten im Ort grüßt der Glockenturm von 1927. Nebenan steht das rund 20 Jahre alte Dorfgemeinschaftshaus. Bürgermeister Helmut Brand ist stolz darauf, er und viele Anwohner haben beim Bau mitgeholfen. Fast nicht vorstellbar, dass der Ort vor knapp vier Jahren von einer Flutwelle heimgesucht wurde. Nach starkem Regen schwollen der Bach Moschel und der Ransenbach am 20. September 2014 so sehr an, dass die Wassermassen alles mit sich rissen. Ausgerechnet am Tag der Kirmes.

Ein Hochwasser solchen Ausmaßes gab es bis dahin noch nicht in Rheinland-Pfalz. Vom Hochwasser waren 14 Dörfer im Donnersbergkreis betroffen. An dem Tag regnete es heftig, allerdings vor allem in einigen Nachbarorten. Eine zwei Meter hohe Welle überspülte Waldgrehweiler. Die Flut überraschte alle. „So schnell, wie es kam, ging es auch wieder zurück“, sagt Brand. Der Ort war von der Außenwelt abgeschnitten. „Fast die Hälfte aller 100 Haushalte war betroffen“, sagt Brand. Der 72-Jährige ist seit fast zehn Jahren Bürgermeister in dem kleinen Ort, davor war es seine Frau. Jeder kennt sich in Waldgrehweiler. Die Katastrophe vor vier Jahren hat die Bewohner noch stärker zusammengeschweißt.

Fünf Familien wurden vorübergehend obdachlos. „Eine Frau war komplett eingeschlossen im Erdgeschoss“, berichtet er. Danach kam das große Aufräumen. Im Dorfgemeinschaftshaus gab es eine Woche mittags Essen für alle Helfer. „Ich fand die Hilfsbereitschaft überwältigend“, sagt Tanja Gaß, Beauftragte der Verbandsgemeinde Alsenz-Obermoschel, zu der Waldgrehweiler gehört. Der öffentliche Schaden lag allein in dem Dorf bei rund einer Million Euro, der von Privathaushalten bei 1,7 Millionen. Das Land gab dem Ort 800 000 Euro Finanzhilfe. Dazu kamen viele Spenden. Mark Forster gab in Rockenhausen ein Benefizkonzert, der 1. FC Kaiserslautern kam zu einem Benefizspiel.



Waldgrehweiler wollte sich danach vor neuem Hochwasser schützen. Mit Hilfe des Landes erstellte die Obermeyer Planen und Beraten GmbH ein Vorsorgekonzept. Die Kenntnisse von Experten flossen ebenso ein wie Vorschläge von Bürgern. In dem Konzept geht es nicht darum, eine Flut zu verhindern: „Ein Hochwasser wie im September 2014 ist eine Katastrophe, wie sie nie beherrschbar sein wird“, heißt es darin. „Deshalb ist es wichtig, dass jeder Einzelne, die Gemeinschaft, die Gemeinde, die Verbandsgemeinde, die Feuerwehr und die Behörden jeweils in ihrem Zuständigkeitsbereich Vorsorge treffen.“

Die Palette möglicher Aktionen ist groß: bessere Hochwasserwarnung, Schmutzwasserpumpen für die Feuerwehr, Beseitigung von Hindernissen für den Wasserabfluss, Räumung des Bachbettes im Ort. Eine Rolle spielt auch die Renaturierung von Bächen oberhalb der Orte, um Wasser in der Fläche zurückzuhalten. Bauern können beraten werden, damit die Bodenerosion abnimmt. In Waldgrehweiler sind erste Schutzmaßnahmen umgesetzt: Brücken wurden wiederaufgebaut, die das Wasser besser abfließen lassen, Engstellen wurden beseitigt, Hausbesitzer wurden beraten. Eine Erkenntnis ist: Keine wichtigen Dinge im Keller lagern. Ein Hochwasserrundweg im Ort informiert über die Flut von 2014.

„Vorsorge ist zur Schadensminderung das A und O“, sagt die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne). „Einen lückenlosen, absoluten Hochwasserschutz wird es nie geben. Aber es gibt inzwischen eben auch mehr als 400 Kommunen, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen und auch teilweise schon dabei sind, Maßnahmen umzusetzen.“ Das Land stellt 18 Millionen Euro bereit, um den Orten einen Großteil der Kosten des Konzepts zu erstatten. Seit 2014 hat es immer wieder Hochwasser in kleineren Orten gegeben. Starker Regen führte in diesem Jahr in weiten Teilen von Rheinland-Pfalz zu großen Schäden. Die Landesregierung legte ein Hilfspaket für Hochwasseropfer von 3,5 Millionen Euro auf.

Das „Jahrhundert-Hochwasser“ in Sachsen von 2002 war eine noch größere Katastrophe, sie ist vielen in Erinnerung. Die Elbe und kleinere Zuflüsse schwollen drastisch an und sorgten für Schäden in Milliardenhöhe. Seitdem sorgen in Sachsen wieder neue Unwetter für Überflutungen. In diesem Jahr traf es zum Beispiel im Vogtland. Der Freistaat hat seit 2002 viele Schutzprojekte in Angriff genommen.

In Dresden gibt es nach Angaben des Umweltministeriums mobile Flutwände an der Elbe, Deiche wurden erhöht und neugebaut. Die Gesamtkosten des Konzepts liegen bei 107 Millionen Euro. In Glashütte soll ein neues Rückhaltebecken für 30 Millionen Euro die Stadt vor Hochwasser schützen. Sachsen will seine Bürger noch mehr über Schutzmöglichkeiten informieren. Ein Hochwasservorsorgeausweis soll helfen, die Gefahr von Starkregen für Häuser besser zu beurteilen.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) geht davon aus, dass extreme Wetterphänomene wie Starkregen noch zunehmen. „Wir erleben die letzten Jahre eine Häufung klimatologischer Rekorde, die sich in der Summe nur mit dem Klimawandel erklären lassen“, schrieb DWD-Vizepräsident Paul Becker nach den Temperaturrekorden im Mai. „Mit diesen Rekorden nehmen aber auch Extremereignisse zu, welche direkt oder indirekt uns alle betreffen.“ Das erfordere intensivere Maßnahmen zur Anpassung und zum Klimaschutz.

Mit einem neuen Hochwasserschutzgesetz aus dem vergangenen Jahr will die Bundesregierung den Weg für eine bessere Vorsorge ebnen. Aber nicht nur der Staat kann mit Geld oder Gesetzen helfen, jeder Bürger kann vorsorgen. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) rief die Rheinland-Pfälzer nach den schweren Unwettern in diesem Frühjahr zu einer Graswurzelbewegung für besseren Klimaschutz auf. Nach dem Elbe-Hochwasser 2002 warb Rheinland-Pfalz mehrfach für die Einführung einer Pflichtversicherung gegen Hochwasser und andere Elementarschäden – bisher ohne Erfolg. Das Land informiert inzwischen mit Veranstaltungen vor Ort über die Vorteile einer Versicherung.

Der Bürgermeister von Waldgrehweiler weiß, dass auch der bisherige Schutz vor Hochwasser noch nicht ausreicht. „In den nächsten Jahren müssen wir aktiv was tun“, sagt Brand. Die Bewohner haben ein eigenes Frühwarnsystem: „Die Leute sind sehr sensibilisiert, wenn das Wasser mal ein bisschen steigt.“