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Studium statt Landflucht
Hochschulen stärken ländlichen Raum

 Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer spricht in der Bibliothek der Hochschule Kaiserslautern mit syrischen Flüchtlingen, die in der Vorbereitung auf ihr Studium an einem Deutschkurs teilnehmen.
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer spricht in der Bibliothek der Hochschule Kaiserslautern mit syrischen Flüchtlingen, die in der Vorbereitung auf ihr Studium an einem Deutschkurs teilnehmen. FOTO: dpa / Peter Zschunke
Birkenfeld/Kaiserslautern. Am Umweltcampus Birkenfeld wird mitten im Wald an Techniken für die Zukunft geforscht. Ministerpräsidentin Malu Dreyer will die Hochschulen im Westen von Rheinland-Pfalz zum Schlüsselinstrument der Strukturpolitik machen.

(dpa) Studium statt Landflucht: Rheinland-Pfalz will die Hochschulen Kaiserslautern und Trier gezielt als Mittel zur Stärkung der strukturschwachen Regionen nutzen. „Wir wollen mit den Hochschulen den demografischen Wandel neu gestalten“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) am vergangenen Mittwoch bei einem Besuch des Umweltcampus Birkenfeld, einer Außenstelle der Hochschule Trier. Auf dem ehemaligen Militärgelände sei „mitten im Wald“ ein Stück Zukunft entstanden.

„Wir wollen junge Leute in der Region halten und auch hierher locken“, sagte Dreyer. Investitionen wie zuletzt 135 Millionen Euro für den Ausbau der Hochschule Kaiserslautern seien eine Strukturmaßnahme zur Aufwertung der Region und zur Stärkung des ländlichen Raums. Die enge Vernetzung mit der regionalen Wirtschaft stelle sicher, dass die Betriebe etwa in der Westpfalz auch die benötigten Fachkräfte erhielten.

Rheinland-Pfalz sei abgesehen von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz kein Land mit einer traditionellen Wissenschaftskultur, sagte Dreyer. Umso wichtiger sei es, mit den verfügbaren Mitteln gezielte Akzente zu setzen. Dazu gehörten auch die Durchlässigkeit von der Berufsausbildung ins Studium und duale Studiengänge mit betrieblicher Ausbildung während der vorlesungsfreien Zeit.



Der Präsident der Hochschule Kaiserslautern, Hans-Joachim Schmidt, sagte den Teilnehmern einer Pressereise mit Dreyer, die Hochschule bemühe sich, individuelle Lösungen zu finden, wenn junge Menschen aus persönlichen Gründen an der Aufnahme eines regulären Studiums gehindert seien. „Wir kämpfen um jedes Talent“, so Schmidt. An seiner Hochschule mit Standorten in Kaiserslautern, Pirmasens und Zweibrücken studieren 6200 Menschen in 50 Studiengängen.

Rund 2500 Studenten lernen und forschen am Umweltcampus Birkenfeld, wo Dreyer sich aktuelle Forschungsprojekte anschaute. An der „Robotics Academy“ werden Techniken zu Demontage und Recycling entwickelt. „Ziel ist ein Kreislauf, in dem wir möglichst alles wiederverwenden und in dem kein Abfall mehr entsteht“, sagte der Robotik-Wissenschaftler Wolfgang Gerke. Der Umweltcampus Birkenfeld ist ein Forschungsstandort des von der EU geförderten und in diesem Jahr gestarteten Projekts, zusammen mit Forschungseinrichtungen in Saarbrücken, Luxemburg, Metz und Lüttich.

Ein anderes Projekt in Birkenfeld, wo 2500 junge Menschen studieren, ist die gezielte Züchtung von Algen für die Erzeugung von Nahrungsmitteln. Biologen, Maschinenbauer, Architekten und Informatiker entwickeln gemeinsam einen Bioreaktor, in dem Algen mit Wasser bedampft werden und sich vermehren. Dabei werden wie bei der Rose von Jericho austrocknungstolerante Algen verwendet. „Unsere Idee ist, für die Algenproduktion auch ungenutzte Flächen wie eine Hauswand nutzbar zu machen“, erklärte der Informatiker Michael Wahl.

Aus solchen Forschungsprojekten entstünden pro Jahr ein bis zwei Firmengründungen, erklärte der Birkenfelder Informatiker Stefan Naumann. „Die Aufbruchsstimmung ist sehr spürbar, manchmal wissen schon die Erstsemester, dass sie Gründer werden wollen.“ Die Hochschulen seien anwendungsorientierter geworden. „Aber das Bewusstsein für den Wert zweckfreier Forschung zu wissenschaftlichen Fragen soll auch erhalten bleiben“, ergänzte Naumann.

(dpa)