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Haus mit Flüchtlingen brennt

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (Mitte) informierte sich gestern in Bingen gemeinsam mit dem Oberbürgermeister der Stadt, Thomas Feser, bei einem Feuerwehrmann über den Brand im Keller eines mit Flüchtlingen bewohnten Gebäudes. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (Mitte) informierte sich gestern in Bingen gemeinsam mit dem Oberbürgermeister der Stadt, Thomas Feser, bei einem Feuerwehrmann über den Brand im Keller eines mit Flüchtlingen bewohnten Gebäudes. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa FOTO: Frank Rumpenhorst/dpa
Bingen. Saisonarbeiter, Asylbewerber und Deutsche schlafen in einem Haus in Bingen, als in der Nacht ein Brand gelegt wird. Drei ans Gebäude gemalte Hakenkreuze könnten auf ein rechtsextremes Tatmotiv hindeuten. Agentur

Nach einem nächtlichen Feuer in einem Gasthaus in Bingen mit sechs Verletzten geht die Polizei von Brandstiftung aus. An und in dem Gebäude , in dem neben Saisonarbeitern aus Deutschland und Portugal auch 13 Flüchtlinge übernachten, wurden drei Hakenkreuze entdeckt. Die Polizei prüft deshalb mit einer 44-köpfigen Sonderkommission einen fremdenfeindlichen Hintergrund, ermittelt aber in alle Richtungen. Zur genauen Brandursache machte sie gestern noch keine Angaben. Nach ersten Ermittlungen sei das Feuer im Keller aber vorsätzlich gelegt worden. "Gebrannt haben im Kellerbereich gelagerte Holzteile." Vier Bewohner und zwei Feuerwehrleute erlitten eine Rauchvergiftung.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD ), die gemeinsam mit Integrationsministerin Irene Alt (Grüne) zum Tatort kam, zeigte sich schockiert. "Natürlich können wir heute nicht absolut sagen, es ist tatsächlich eine rechtsmotivierte Straftat, aber es gibt viele Hinweise, die das befürchten lassen", sagte die Regierungschefin. "Das ist nicht nur schockierend, das ist wirklich auch beschämend."

Die CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner schrieb in einer Mitteilung: "Der Brandanschlag in Bingen hinterlässt mich traurig und bestürzt. Es müsse klar sein, dass jeder Mensch in Deutschland Schutz und Sicherheit beanspruchen könne. Das gelte auch "für diejenigen Zuwanderer, die Deutschland wieder verlassen müssen". Die mutmaßlichen Täter müssten schnell ermittelt und bestraft werden.

Das Feuer in Bingen-Sponsheim brach in der Nacht zu gestern gegen drei Uhr aus. In dem Gasthaus an der Bundesstraße B 50 von Bingen nach Gensingen befanden sich zur Tatzeit nach Angaben der Stadtverwaltung von Bingen 25 Menschen, neben Saisonarbeitern aus Portugal und Deutschen auch 13 Flüchtlinge - zehn Syrer und drei Afghanen.

Das Haus sei vorerst unbewohnbar, sagte eine Polizeisprecherin. Die Stadtstadtverwaltung Bingen richtete ein Zelt zur ersten Versorgung der Betroffenen ein, sie stellte außerdem eine Halle mit Schlafplätzen zur Verfügung.

Ein rechtsextremistischer Hintergrund ist nach Angaben der Ermittler offen. "Wir müssen in alle Richtungen checken", sagte der Mainzer Polizeipräsident Reiner Hamm. Am Haus, an einer Tür und im Gebäude seien Hakenkreuze entdeckt worden, ein Zusammenhang mit dem Brand sei bisher unklar. Die Polizei fand eine Spraydose.

Der Landrat von Mainz-Bingen, Claus Schick, zeigte sich schockiert über den "mutmaßlich rechtsradikalen Hintergrund". Es sei erbärmlich, wenn Menschen mit dem Tod bedroht würden, die in Deutschland Zuflucht vor Krieg und Vertreibung suchten, sagte er. Außerdem seien ehrenamtliche Retter in Gefahr gebracht worden.

Sponsheim ist ein kleiner Stadtteil im Süden von Bingen und eher ländlich geprägt, auch wenn es einen nahen Gewerbepark gibt. Bislang gab es nach Angaben des Stadtsprechers in Bingen weder Probleme mit Hakenkreuzschmierereien noch ausländerfeindliche Proteste oder Aufmärsche.

Zum Thema:

RückblendeDie mutmaßliche Brandstiftung in Bingen wäre nicht der erste Anschlag auf Unterkünfte für Migranten in Rheinland-Pfalz in den vergangenen zwölf Monaten: - Gleich zwei Mal innerhalb einer Woche brannte es im vergangenen Dezember in Herxheim im Landkreis Südliche Weinstraße. In der Nacht zum 4. Dezember warfen Brandstifter drei gefüllte Kanister in eine geplante Flüchtlingsunterkunft. Einer ging in Flammen auf. Dabei verschmorten die Decke und der Bodenbelag teilweise. Es wird weiter nach Männern gesucht, die an einer Tankstelle in der Nähe des Tatortes Kanister mit Kraftstoff gefüllt hatten. Bis heute wird die Unterkunft nicht genutzt. Am 10. Dezember brannte es in dem Ort zudem in einer Kleiderkammer für Flüchtlinge . Hier ist die Ursache noch immer unklar. - In der Nacht zum 6. Mai zündeten Unbekannte Bitumenbahnen auf dem Flachdach einer einstöckigen geplanten Flüchtlingsunterkunft in Limburgerhof im Rhein-Pfalz-Kreis an. Dreieinhalb Monate nach dem Anschlag zogen dort trotzdem die ersten Flüchtlinge ein. - Im Oktober wird ein Hotel in Landscheid in der Eifel verwüstet, das als Flüchtlingsunterkunft dienen sollte. Später werden dort Hakenkreuzschmierereien und rechtsradikale Schriftzüge entdeckt. Sechs Jugendliche werden als mutmaßliche Täter ermittelt, der Prozess gegen sie beginnt am nächsten Dienstag vor dem Amtsgericht Wittlich. - Ebenfalls im Oktober versuchten Unbekannte, eine im Bau befindliche Flüchtlingsunterkunft in Ludwigshafen in Brand zu stecken. Sie warfen einen brennenden Gegenstand gegen das Fenster. Es blieb bei geringem Schaden. Insgesamt ist die Zahl rechtsmotivierter Straftaten in Rheinland-Pfalz nach Angaben des Mainzer Innenministeriums im vergangenen Jahr um über ein Drittel auf 701 gestiegen. Im Jahr zuvor zählten die Sicherheitsbehörden 521 rechtsextreme Straftaten. Die Aufklärungsquote sei im gleichen Zeitraum von rund 45 Prozent auf fast 51 Prozent gewachsen. Noch deutlicher zugenommen hat die Zahl der Straftaten gegen Asylbewerberunterkünfte in Rheinland-Pfalz: Während es im Jahr 2014 einen registrierten Fall im Land gab, waren es im vergangenen Jahr 29 Fälle. dpa