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Grüne Ex-Wirtschaftsministerin legt Buch „Politik hart am Wind“ vor

Bald Oma und schon jetzt Autorin: Ex-Ministerin Eveline Lemke setzt sich kritisch mit ihrer Partei auseinander. Foto: Florian Schlecht
Bald Oma und schon jetzt Autorin: Ex-Ministerin Eveline Lemke setzt sich kritisch mit ihrer Partei auseinander. Foto: Florian Schlecht FOTO: Florian Schlecht
Mainz. Von der rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerin in die hintere Reihe der Fraktion: Eveline Lemke ist nach der Wahl im März steil gestürzt, hat sich aber gefangen. Sie wird bald Oma – und streitet über den Weg der Grünen. Florian Schlecht

"Schon Schön" heißt der Mainzer Kulturclub, den Eveline Lemke für das Gespräch mit unserer Zeitung vorgeschlagen hat. Doch in dem Laden selbst sind beim Treffen alle Plätze belegt. Egal, geht's halt ein Café weiter. Ist ja nicht schlimm, sagt Lemke.

Gar nicht schön war es dagegen, was die Politikerin am 13. März dieses Jahres im "Schon Schön" erlebt hatte. Es war der Tag der Landtagswahl und der Ort der Grünen-Wahlparty. Ganz knapp schafften es die Grünen noch einmal ins rheinland-pfälzische Parlament - und Lemke musste den Absturz von berauschenden 15,4 Prozent bei der Wahl 2011 auf nun ernüchternde 5,3 Prozent erklären. Für die 52-Jährige war es der Anfang vom Ende ihrer Zeit als Wirtschaftsministerin. Sie räumte in den Wochen danach ihr Büro leer und sitzt jetzt im Mainzer Landtag in der letzten Reihe der Fraktion. Als einfache Abgeordnete. Nun habe sie wieder Zeit für andere Dinge. Schlafen, Sport, ihre Familie, im Frühjahr wird sie zum ersten Mal Oma. "Mein ganzes Handy ist voller Ultraschallbilder ", erzählt sie lächelnd.

Die Politik lässt Lemke aber nicht los. In einem fast 200 Seiten starken Buch hat die gebürtige Hamburgerin den Wahlkampf verarbeitet. Es dürfte eine Streitschrift sein, die die Grünen länger beschäftigt. Denn die Politikerin schreibt auch, was die Partei zu dem schlechten Ergebnis beigetragen hat - und wie sie sich wandeln muss. Das Modell, mit zwei Spitzenkandidaten und nicht mit einer starken Kraft in den Wahlkampf zu ziehen, hinterfragt sie. Ihr Tenor: zu viele Gesichter und in den Botschaften nicht immer einig. Verloren gegangene Wählerschichten habe die Partei nicht mehr gezielt angesprochen, sich zu sehr innerhalb einer "eigenen Blase" bewegt. Den rasanten Wählerverlust rechnet sie aber nicht nur den Grünen an. Die Partei habe ihre Inhalte nicht vermitteln können, da AfD, CDU und FDP erfolgreich auf die "deutsche Angst vor Überfremdung" gesetzt hätten. Im Wettbewerb mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer sei es schwer gewesen, das linke, offensive Gesicht der rot-grünen Koalition zu sein. In der SPD unter Kurt Beck , die sie als "altbacken, provinziell und selbstherrlich" bezeichnet, sei das anders gewesen. Lemke rät den Grünen auch, sich bei politischen Bündnissen nicht nur an die SPD zu klammern. Und mahnt den Zusammenhalt in der eigenen Partei an. Wer bei den Grünen in den Ruf gerate, zu viel Einfluss zu gewinnen, laufe Gefahr, seine politische Zukunft zu verspielen, schreibt sie in ihrem Buch. Ein Satz, der auch auf ihr eigenes politisches Schicksal gemünzt sein könnte. Die 52-Jährige sagt aber, sie vermisse das alte Ministeramt nicht. Auf eine Kandidatur für den Bundestag verzichte sie. Sie hat ein anderes Ziel. Eins, dem sie sich mit ihrem Buch nähern will. "Ich will eine Debatte anstoßen."

"Politik hart am Wind " von Eveline Lemke, Oekom-Verlag, 24,95 Euro.

Zum Thema:

Am Rande Eveline Lemke schlägt in ihrem Buch vor, was sich bei den Grünen ändern soll. Eine Auswahl: Neue Wähler gewinnen: In Debatten sollen Grüne ihre Kompetenz auf Problemfeldern wie Armut und Steuern beweisen. Direkte Ansprache: Lemke rät zum "Zuhören, Zuschauen, Verstehen". Keine Direktkandidaten: Lemke empfiehlt, auf die ohnehin aussichtslosen Direktkandidaten zu verzichten - und sich lieber auf den Zweitstimmenfang zu konzentrieren. flor