| 23:20 Uhr

Nach Flucht eines Mörders
Freiheit versus Sicherheit: Diskussion über Maßregelvollzug

Mainz. (dpa) Wenn ein verurteilter Mörder auf der Flucht ist, noch dazu ein in eine Psychiatrie eingewiesener, ist die Aufregung groß. So auch im Fall eines 34-Jährigen in Rheinland-Pfalz, der vor Jahren seinen Vater umgebracht hat, dann jahrelang im sogenannten Maßregelvollzug war, vor kurzem aus der Forensischen Psychiatrie der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach entkommen ist und erst Tage später wiedergefunden wird. Der Mann durfte ohne Begleitung die Klinik verlassen, beim Besuch des Hausarztes setzte er sich ab. Auch anderswo gibt es solche Vorfälle, was die Debatte um diese Form des Vollzugs sowie um Sinn und Gefahr von Freigängen neu entfacht hat.

(dpa) Wenn ein verurteilter Mörder auf der Flucht ist, noch dazu ein in eine Psychiatrie eingewiesener, ist die Aufregung groß. So auch im Fall eines 34-Jährigen in Rheinland-Pfalz, der vor Jahren seinen Vater umgebracht hat, dann jahrelang im sogenannten Maßregelvollzug war, vor kurzem aus der Forensischen Psychiatrie der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach entkommen ist und erst Tage später wiedergefunden wird. Der Mann durfte ohne Begleitung die Klinik verlassen, beim Besuch des Hausarztes setzte er sich ab. Auch anderswo gibt es solche Vorfälle, was die Debatte um diese Form des Vollzugs sowie um Sinn und Gefahr von Freigängen neu entfacht hat.

In den allermeisten Fällen würden diese Patienten nach kurzer Zeit wieder gefunden, beispielsweise bei Freunden oder Verwandten ganz in der Nähe, oder sie stellten sich selbst wieder, betont Jürgen Müller, Sprecher des Referats Forensische Psychiatrie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

Auch Axel Merschky, Referatsleiter bei der Aufsicht des Maßregelvollzugs in Rheinland-Pfalz im Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung in Mainz, bestätigt das. „Das was passiert, ist im absoluten Promillebereich. Echte Ausbrüche haben wir so gut wie keine.“ Eine Ausnahme in Rheinland-Pfalz sei die Flucht zweier Patienten aus einer Klinik in Alzey 2016 gewesen. Auch eine „Entweichung“ bei einem unbegleiteten Ausgang wie zuletzt bei der Klinik Nette-Gut in Weißenthurm bei Andernach sei sehr selten.



Das Pfalzklinikum Klingenmünster, eine weitere Forensische Psychiatrie für den Maßregelvollzug in Rheinland-Pfalz, macht eine Beispielrechnung auf: Stationär sind dort derzeit rund 170 Patienten untergebracht. Von ihnen dürfen 70 bis 80 am Tag die Klinik begleitet oder unbegleitet verlassen. Pro Jahr missbrauchen demnach im Schnitt nur vier Patienten ihre Lockerungen und kehren zunächst nicht zurück.

Doch wer landet eigentlich überhaupt im Maßregelvollzug? Das sind vor allem psychisch kranke Straftäter. Gerichte ordnen eine Unterbringung an, sofern Betroffene schuldunfähig oder vermindert schuldfähig sind - und sofern wegen der psychischen Störung weitere „erhebliche rechtswidrige Taten“ zu erwarten sind, die Opfer seelisch oder körperlich schädigen, sie erheblich gefährden oder einen schweren Schaden anrichten, wie es Paragraf 63 des Strafgesetzbuches zur Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus ausdrückt.

Merschky vom Landesamt betont, vielen Patienten würden im Verlauf des Maßregelvollzugs bei guter Entwicklung Lockerungen eingeräumt. Das sei notwendiger Bestandteil der Behandlung. „Sie sind erforderlich, damit die Patienten auf ein Leben außerhalb des Maßregelvollzugs vorbereitet werden.“ Eine bundesweite Gesetzesnovelle habe zudem 2016 die Anforderungen für einen andauernden Verbleib im Maßregelvollzug weiter erhöht. Die Kliniken müssten seitdem noch stärker prüfen, ob und in welcher Form Lockerungen in Frage kommen, um eine Wiedereingliederung von Patienten zu ermöglichen.

DGPPN-Experte Müller sagt, es komme vor dem Hintergrund auch zu Entlassungen, wenn die Klinik vielleicht noch eine Gefahr sehe. „Der Freiheitsentzug soll auf ein Minimum beschränkt bleiben“, betonte er.

(dpa)