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600 000 Euro Schaden in Rheinland-Pfalz allein bis Juni
Falsche Polizisten schüren Angst am Hörer

In diesem Jahr hat es in Rheinland-Pfalz bereits 1800 von Betroffenen gemeldete Anrufe falscher Polizisten gegeben. Dabei sind Bürger um insgesamt rund 600 000 Euro geprellt worden.
In diesem Jahr hat es in Rheinland-Pfalz bereits 1800 von Betroffenen gemeldete Anrufe falscher Polizisten gegeben. Dabei sind Bürger um insgesamt rund 600 000 Euro geprellt worden. FOTO: dpa / Julian Stratenschulte
Mainz. 600 000 Euro Schaden in Rheinland-Pfalz allein in diesem Jahr bis Juni mit einer perfiden Masche: Die Täter geben sich am Telefon als Polizisten aus und erfinden Geschichten. Die Zahl der Fälle nimmt zu.

Auf dem Telefondisplay erscheint meist die Nummer 110. Aus Callcentern im Ausland rufen die Trickbetrüger an, geben sich als Polizisten aus – manchmal spätnachts. Sie erfinden Geschichten, um Geld und Wertsachen zu erbeuten, erzählen von kommenden Einbrüchen oder von zwielichtigen Bankmitarbeitern, bei denen das Ersparte nicht sicher sei. Sie erzeugen bei ihrem Gegenüber Stress und Angst. Besser, man gebe das Geld dem „Freund und Helfer“ Polizei, sagen die falschen Beamten, manchmal sogar mit einheimischem Dialekt. Mehr als 1800 solcher Anrufe hat es nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) dieses Jahr bereits in Rheinland-Pfalz gegeben. Der Schaden: rund 600 000 Euro bis zum 21. Juni.

Vor allem Senioren sind von dieser Masche betroffen, die bereits im vergangenen Jahr in Rheinland-Pfalz deutlich zugenommen hat. 2017 entstand ein Schaden von rund 1,5 Millionen Euro, berichtet Achim Füssel, LKA-Vizepräsident, am Montag in Mainz. Das sei knapp viermal so viel wie 2016. Die Dunkelziffer sei wohl weitaus höher. Der größte Einzelschaden lag in diesem Jahr demnach bei 170 000 Euro.

Die Masche ist ein bundesweites Phänomen, wie eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes (BKA) in Wiesbaden sagt. „Wir beobachten dies schon länger.“ Wie viele Betrugsfälle dieser Art genau es in Deutschland gebe, sei statistisch aber nicht ersichtlich. Manche Betrüger gäben sich als BKA-Beamte aus und gingen geschickt vor: „Die Täter haben sogar schon den Namen unseres Präsidenten genutzt.“



Vor wenigen Wochen hat zum Beispiel eine 62 Jahre alte Wormserin einen mehr als vierstelligen Betrag an einen „falschen Polizeibeamten“ übergeben. Nachts erhielt sie einen Anruf von einem Herrn „Kommissar Martin Stein“, wie die Polizeidirektion Worms berichtet. Die Polizei habe eine Bande festgenommen und einen Zettel gefunden, auf dem ihr Name stehe, hieß es am Telefon. Deshalb solle die Frau schnellstmöglich Schmuck und Bargeld an einen Kollegen übergeben.

Die Folgen dieser Art des Betrugs seien für die Geschädigten fatal, warnt LKA-Vizepräsident Füssel. „Sie werden getäuscht, um ihr Erspartes betrogen und schämen sich.“ Die Betrüger nutzten das Vertrauen älterer Menschen in die Autorität der Polizei schamlos aus. Und wer auf diese Weise sein Geld verliert, kriegt es von keiner Versicherung zurückerstattet, wie Ralf Durben, der Leiter der Kriminalinspektion Wittlich, erläutert.

Gerade die Altersgruppe der 71- bis 80-Jährigen ist nach Angaben der Experten betroffen. Viele der Älteren lebten allein, seien auch aufgrund geistiger Einschränkungen leichter manipulierbar, sagt Gerhard Jost von der Kriminaldirektion Kaiserslautern. Viele von ihnen würden regelrecht mit Anrufen „terrorisiert und bombardiert“. Geld, Schmuck und Goldmünzen deponierten sie mitunter an Mülleimern, unter Fußmatten oder im Garten für die falschen Beamten.

Die Ermittlungen der Polizei laufen auf Hochtouren. „Wir vermuten, dass das absolut durchorganisiert ist“, sagt Durben. „Die Täter schüren bewusst Angst.“ Zwischen November 2017 und März 2018 hätten die Beamten einen Schaden von rund 2,5 Millionen Euro vermeiden und einige Betrüger festnehmen können. Es stellte sich heraus, dass die in Rheinland-Pfalz eingehenden Anrufe vor allem aus einem Callcenter in der Türkei kamen.

Hintergrundgeräusche während des Gesprächs täuschten vor, dass der Anruf aus einer Polizeiwache kommt. Die Täter nutzen eine Rufnummernverschlüsselung und lassen eine lokale Rufnummer oder die „110“ auf dem Display erscheinen, wie Durben erklärt. Beamte riefen jedoch unter keinen Umständen mit dieser Nummer an, sagt Jost von der Kriminaldirektion Kaiserslautern. Er riet den Betroffenen: Wenn es bei solchen Telefonaten um Finanzielles gehe, solle man einfach auflegen und sich sogleich an die „echte Polizei“ wenden.