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Kardinal Lehmann beigesetzt
„Er war der beste Hirte, den wir je hatten“

Mit einem Requiem im Mainzer Dom wurde der frühere Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann gestern feierlich verabschiedet. Vorbei an Bischöfen und Kardinälen wurde der Sarg zur Beisetzung in die Krypta getragen.
Mit einem Requiem im Mainzer Dom wurde der frühere Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann gestern feierlich verabschiedet. Vorbei an Bischöfen und Kardinälen wurde der Sarg zur Beisetzung in die Krypta getragen. FOTO: Boris Roessler / dpa
Mainz. Mozart, Weihrauch, Gänsehaut-Atmosphäre: Eine große Trauergemeinde mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begleitet Kardinal Karl Lehmann auf seinem letzten Weg. Auch vor dem Mainzer Dom halten viele Menschen inne.

Am Tag der Totenmesse für Kardinal Karl Lehmann scheint die Zeit still zu stehen. Eine gefühlte Ewigkeit lang läutet die Martinus-Glocke des Mainzer Doms auf dem letzten Weg des Geistlichen, der den Mainzern mehr als 30 Jahre lang „unser Karl“ war, wie sein Nachfolger Peter Kohlgraf in der Predigt sagt. Tausende Menschen säumen die kurze Strecke des Trauerzugs durch die Altstadt, erinnern sich an persönliche Eindrücke von Lehmann, während der weiße Leichenwagen an ihnen vorbeirollt.

Manche haben sich für den Tag extra freigenommen wie Anette Nerhig aus Klein-Zimmern im Kreis Darmstadt-Dieburg im hessischen Teil des Bistums. „Er war der beste Hirte, den wir je hatten, weil er immer Mittler gewesen ist“, sagt die Frau, die 2001 mit Lehmann auf einer Pilgerreise in Rom war.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist noch einmal nach Mainz gekommen, wo er schon am Montag und Dienstag zum offiziellen Antrittsbesuch in Rheinland-Pfalz war. Ehe er Platz nimmt, verharrt er still vor dem schlichten Holzsarg mit aufgesetztem Kruzifix. Hinter ihm stehen etwa 1500 Gottesdienstbesucher im fahlen violetten Licht des 1000 Jahre alten Gemäuers. Nach einem Streicher-Adagio singt der Domchor: „Requiem aeternam dona eis, Domine: et lux perpetua luceat eis“ (Ewige Ruhe gib ihnen, Herr, und das ewige Licht leuchte ihnen). „Wir sind traurig“, sagt Bischof Kohlgraf mit klarer, fast nüchterner Stimme in die mit Weihrauch gefüllte Gänsehaut-Atmosphäre des Mozart-Requiems hinein. „Hier aber es ist gut, dass wir in Hoffnung trauern.“



Draußen strahlt die Sonne. Wer keinen Platz in der Kirche gefunden hat, schaut sich die Messe auf der Großbildleinwand an. Die Menschen auf dem Liebfrauenplatz hören zu, als der Wahlspruch des Kardinals verlesen wird: „State in Fide“ (Steht fest im Glauben, 1. Korintherbrief 16,13). Diesen Faden nimmt Bischof Peter Kohlgraf in seiner Predigt auf, als er aus dem „Geistlichen Testament“ des Verstorbenen zitiert: Erneuerung müsse aus Glaube, Hoffnung und Liebe kommen, heißt es darin. „Deshalb rufe ich allen die Worte meines Wahlspruchs zu, die vom Heiligen Paulus stammen, und mir immer wichtiger geworden sind: Steht fest im Glauben!“

Hoffnung und die christliche Zuversicht eines Lebens nach dem Tod bestimmten bereits Lehmanns Todestag am 11. März, der im Kirchenjahr als Sonntag „Laetare“ zur vorösterlichen Freude aufruft. Viele Gläubige im Bistum hoffen, dass die Kirche den reformfreudigem Kurs Lehmanns weitergeht.

Auch sein Nachfolger legt Wert darauf, den Menschen in ihren konkreten Nöten zuzuhören und den Glauben in ihrem Alltag zu verankern. Den Glauben an einen „Gott der Befreiung, der mit den Menschen geht“. In seiner Predigt spricht Kohlgraf von den Brücken zwischen Kirche und Welt. Von beiden Seiten müsse daran gebaut werden.

Auch die Brücke zwischen den Konfessionen und zu anderen Religionen soll weitergebaut werden, so lautet eine Botschaft des Requiems. Lehmann habe in der Begegnung mit den evangelischen Christen eine besondere Offenheit ermöglicht, betont der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strom, würdigt Lehmann als einen Mann, der mit seinem weiten Herzen „auch unsere Seele berührt hat“ und sich nie mit der Trennung der Konfessionen abgefunden habe. Bevor der Sarg Lehmanns mit Weihwasser besprengt wird, singt der Chor mit dem Bach-Choral „Jesus bleibet meine Freude“ ein Stück evangelischer Kirchenmusik.

Die Beisetzung von Kardinal Lehmann in der Westkrypta des Doms können die Besucher des Requiems nur ahnen. Allein die engsten Angehörigen Lehmanns folgen dem Sarg in die Bischofsgruft hinab. An den beiden Domtürmen flattern außen die Fahnen der Kirche mit Trauerflor – vielleicht nicht gerade fröhlich, aber lebendig.

(dpa)