| 22:00 Uhr

Biodiversität
So gefährdet sind Grashüpfer & Co.

Mainz/Trier. Die gute Nachricht ist: Um rheinland-pfälzische Schaben und Ohrwürmer braucht man sich keine Sorgen zu machen. Ganz anders sieht das bei anderen Insektenarten aus. Von Katharina De Mos

Es krabbelt, kreucht und fleucht immer weniger. Die Zahl der Arten auf dem Planeten Erde nimmt drastisch ab. So geht der Weltbiodiversitätsrat der Vereinten Nationen davon aus, dass eine Million Tier- und Pflanzenarten gefährdet ist. „Jeden Tag sterben 30 bis 100 Arten aus“, sagt der Trierer Biogeografie-Professor Axel Hochkirch – und viele davon verschwinden, ohne dass die Menschheit überhaupt von ihnen wusste. „Wir suchen auf anderen Planeten nach Leben, dabei haben wir das Leben auf der Erde noch gar nicht erfasst und verstanden“, sagt Hochkirch.

Erst 20 Prozent der Spezies seien überhaupt beschrieben. Und für noch viel weniger – nämlich rund 100 000 – wurde wirklich untersucht, wie bedroht sie sind. Das Ergebnis: 25 Prozent sind gefährdet. Bei Insekten etwa zehn Prozent. Eine Zahl, die der Wissenschaftler für zu gering hält, da vor allem Libellen betrachtet wurden, die sehr mobil und anpassungsfähig sind. Er geht davon aus, dass auch ein Viertel der Insekten ernsthaft in Gefahr ist, von diesem Planeten zu verschwinden.

Da die Zeit drängt und Unwissenheit oft mit ein Grund für das Aussterben sei, ist Hochkirch dankbar, dass das Land Rheinland-Pfalz eine Studie finanziert, bei der Wissenschaftler seit 2018 untersuchen, wie sich der Bestand von Wildbienen und Heuschrecken auf Flächen entwickelt hat, die vor einigen Jahren bereits untersucht wurden. Die ersten Ergebnisse zeigen: Es gibt Gewinner, es gibt Verlierer – und die Sorge um den Artenreichtum ist berechtigt.



So profitieren wärmeliebende Arten vom Klimawandel, während andere darunter leiden, dass ihre Biotope verschwinden – auch, weil über Landwirtschaft und Verkehr mehr Stickstoff in die Umwelt gelangt. Diese Schlüsse legt nicht nur die aktuelle Studie nahe, sondern auch eine frisch aktualisierte Rote Liste des Landes, an der der international renommierte Trierer Heuschrecken-Experte ebenfalls mitgewirkt hat. Untersucht wurden Geradflügler – das ist eine relativ kleine Gruppe von Insekten, zu denen die Fangschrecken, Heuschrecken, Ohrwürmer und Schaben zählen.

Das Fazit der Roten Liste klingt erst mal positiv: Nur noch rund die Hälfte dieser Insekten ist gefährdet (40 von 81 Arten). 1991 waren es noch 68 Prozent. „Nicht zuletzt Biotop­pflegemaßnahmen in Schutzgebieten sowie der Vertragsnaturschutz haben zur Stabilisierung zahlreicher Vorkommen beigetragen“, sagt Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne).

Zudem habe der Klimawandel bei einigen wärmeliebenden und mobilen Arten zur Verbesserung des Bestands geführt – zum Beispiel bei der Blauflügeligen Ödlandschrecke, dem Wiesengrashüpfer oder der Gottesanbeterin. Südliche Arten breiten sich immer weiter Richtung Norden aus und wandern in den Mittelgebirgen bergaufwärts. Arten, die vor einigen Jahren in der roten Liste noch als vom Aussterben bedroht galten, wie die Grüne Strandschrecke, sind heute ungefährdet.

Ganz anders sieht das aus bei Insekten, die auf Feuchtlebensräume angewiesen sind. Die Bestände des Sumpf-Grashüpfers sind heftig geschrumpft. Die Art reagiere empfindlich auf Dürreperioden, heißt es in der roten Liste – und davon gab es in den vergangenen Jahren einige. Auch Arten, die auf mageres, ungedüngtes Grünland und Schafweiden angewiesen sind, haben es schwer. Hochkirchs aktuelle Untersuchung zeigt, dass die zweifarbige Beißschrecke auf 60 Prozent weniger Flächen anzutreffen ist. Auch allerlei Grashüpferarten haben ihren bevorzugten Lebensraum verloren. Sie lieben lichtes Grasland. Und mögen es gar nicht, dass Pflanzen immer üppiger und dichter wachsen.

Sowohl die neue Rote Liste als auch Hochkirch sehen im vielen Stickstoff die Hauptursache dieser Entwicklung: Immer mehr Grünland wird gedüngt und immer mehr Stickstoff aus Autoabgasen und der Tierhaltung gelangt in die Luft. „Die Flächen sind sich alle sehr ähnlich geworden“, sagt Hochkirch. Auch wenn er auf diesen üppig grünen Wiesen teils drei Arten mehr nachweisen konnte als früher – es seien überall die gleichen. Insgesamt nehme der Artenreichtum ab. Eine Lösung sieht Hochkirch in einer anderen EU-Förderung für die Landwirtschaft, insbesondere in einer Abkehr von den an die Fläche gebundenen Direktzahlungen. Wanderschäfer könnten davon nicht profitieren. Er hofft, dass die geplanten schärferen Düngeregeln nicht dazu führen, dass der Dünger auf mehr Flächen verteilt wird. Wäre dies im Sinne des Naturschutzes doch kontraproduktiv.

Zu dem in beheizten Gebäuden lebenden Heimchen (Acheta domesticus) notieren die Autoren, dass diese Grillenart zunehmend verdrängt wird, weil es in modernen Häusern kaum noch Spalten und Ritzen gibt, in denen es sich verstecken kann. Gute Nachrichten gibt es – wenn man das im Fall dieser unbeliebten Tierchen denn so bezeichnen möchte – von Küchenschabe, Deutscher Schabe und ihrer ganzen schäbigen Verwandtschaft. Diese treuen Begleiter des Menschen sind putzmunter und nicht bedroht. Bei den Ohrwürmern ist nur eine Art stark gefährdet, doch sind die Autoren der Roten Liste zuversichtlich, dass man sie finden würde, wenn man sich in kleinbäuerlichen Misthaufen auf die Suche nach ihr machen würde.

Warum aber sollte man sich um Schaben, Ohrwürmer und Schrecken überhaupt sorgen? „Die Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten bildet unsere Lebensgrundlage. So ist der Schutz der Biodiversität auch eine gesellschaftspolitische Verpflichtung“, sagt Höfken. Zudem dienen die Insekten vielen anderen Tieren als Nahrung, darunter Vögeln, Igeln, Spitzmäusen oder Füchsen.