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Umweltministerin lobt Bio-Angebot von Discountern
„Das ist eine positive Entwicklung!“

Trier. Die rheinland-pfälzische Umweltministerin findet es gut, dass Discounter immer mehr Bio anbieten. Aber ist die Qualität die gleiche? Von Katharina De Mos

Immer mehr Menschen ist es wichtig, dass Schweine, Hühner oder Kühe artgerecht gehalten werden, dass Schmetterlinge oder Bienen Nahrung finden können, dass ihr Gemüse frei von Pestiziden ist. Und so boomt die Biobranche. Die Mainzer Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) sagt, wie es in Rheinland-Pfalz weitergehen soll und wie es zu bewerten ist, dass immer mehr Discounter Bio anbieten.

Frau Höfken, zehn Prozent der landwirtschaftlichen Flächen werden biologisch bewirtschaftet. Was ist Ihr Ziel?

ULRIKE HÖFKEN Zehn Prozent oder 83 Prozent Flächenzuwachs: Das ist ein großer Erfolg dieser Landesregierung! Immerhin waren es im Jahr 2010 erst fünf Prozent. Unser Ziel sind aber 20 Prozent Ökolandbau in Rheinland-Pfalz: kein umweltgefährdender Pestizideinsatz, artgerechte Tierhaltung, keine Gentechnik und wasserschonender Dünger. Die Nachfrage der Verbraucher nach ökologischen Lebensmitteln steigt ständig, und wir wollen, dass diese Nachfrage in Rheinland-Pfalz auch aus heimischer Erzeugung gedeckt werden kann. Wir engagieren uns hier unter anderem mit unserer Initiative „Rheinland-Pfalz isst besser“.



Wie kommt es, dass so viele Bauern auf Bio umgestellt haben?

HÖFKEN Bio rechnet sich. Nehmen wir die Milchkrise. Hier waren es die Biobauern, die trotz steigendem Angebot mit stabilen Preisen rechnen konnten. Auch die Umstellung auf Bio-Eiererzeugung ist für die Betriebe lukrativ. Es gibt aber noch ein wichtiges Argument: Erhalte, was dich erhält! Die Landwirte sind auf eine intakte und vielfältige Natur angewiesen. Sie haben ein eigenes Interesse daran, nachhaltig zu wirtschaften.

Wäre es möglich, die gesamte Bevölkerung mit Bioprodukten zu ernähren?

HÖFKEN Ja sicher, aber das setzt eine Kehrtwende im Agrarsektor und in der Politik voraus, auch auf EU- und Bundesebene. Wichtig wäre außerdem eine Änderung unserer Ernährungsgewohnheiten, etwa weniger Fleisch zu essen. Gerade die Fleischerzeugung hat einen hohen Bedarf an Fläche für die notwendigen Futtermittel. Diese könnte für den Anbau pflanzlicher Nahrungsmittel für den Menschen viel effektiver genutzt werden. Außerdem führen die Folgen von Fehlernährung und Übergewicht jährlich zu Kosten in Milliardenhöhe. Das Geld sollten wir besser für gutes Essen einsetzen. Dabei ist wichtig, dass die Leistung für mehr Umwelt- und Tierschutz der Landwirtschaft honoriert wird, ohne dass die Preise für die Verbraucher zu hoch werden.

Wie finden Sie es, dass Discounter immer mehr Bio anbieten?

HÖFKEN Supermärkte und Discounter haben auf die gestiegene Nachfrage reagiert. Gleichzeitig haben sie so Menschen erreicht, die vorher nie in einen Bioladen gegangen wären. Das ist eine positive Entwicklung, schließlich geht es um mehr Natur-, Tier- und Gesundheitsschutz. Der Lebensmitteleinzelhandel und auch die Discounter haben mit einem Anteil von 59 Prozent am Bio-Umsatz wesentlich zur Ausweitung des Öko-Anbaus beigetragen. Gleichzeitig ist uns der Naturkostfachhandel sehr wichtig. Sie waren die Pioniere.

Ist die Qualität im Discounter denn die gleiche wie bei Waren aus dem Naturkostladen?

HÖFKEN Nehmen wir das EU-Bio-Siegel: Alle Produkte mit diesem Siegel unterliegen den gleichen Anforderungen in der Erzeugung und Verarbeitung. Sie werden jährlich kontrolliert. Darauf können sich Verbraucher verlassen – egal, ob sie im Discounter einkaufen oder im Naturkostladen oder im Hofladen des Bio-Betriebes. Die Bioverbände wiederum bieten viele Zusatzleistungen, auch beim Tierschutz. Hier gibt es privatwirtschaftliche Kontrollen. Die Untersuchungen zu Pestizidrückständen zeigen, dass Biolebensmittel deutlich weniger und seltener belastet sind. Gerade auch das verstärkte Angebot von regionaler Bio-Erzeugung im Einzelhandel ist ein Garant für Qualität.

Vielen Verbrauchern ist Tierschutz wichtig. Aber eine einheitliche Tierschutz-Kennzeichnung in der Bundesrepublik fehlt trotz jahrelanger Ankündigungen. Was läuft da in Berlin schief?

HÖFKEN Das Bio-Siegel und die Bio-Verbände sind bisher die einzige verlässliche Aussage für mehr Tierschutz. Die Bundesregierung hat dieses Thema über Jahre ignoriert. Inzwischen hat der Einzelhandel die Politik überholt. Zwar hat Frau Klöckner einen Gesetzentwurf für eine Tierwohl-Kennzeichnung vorgelegt, aber der ist kompliziert und aufwendig: Ökobetriebe, die schon nach EU-Verordnung kontrolliert werden, müssten noch weitere Zertifizierungsprozesse in Kauf nehmen, um teilzunehmen.

Massentierhaltung hat einen schlechten Ruf. Aber da immer mehr Menschen günstig Bio kaufen wollen, gibt es logischerweise bereits Großbetriebe mit mehr als 1000 Bio-Milchkühen oder mehr als 30 000 Bio-Legehennen. Wie stehen Sie dazu?

HÖFKEN Ob ein Betrieb ökologisch oder als konventioneller Betrieb gut wirtschaftet, hängt nicht nur von der Größe ab. Die Grundvoraussetzungen wie die Anzahl Tiere pro Quadratmeter, der Zugang zu Weide- oder Auslaufflächen sowie die Haltungs- und Fütterungsbedingungen sind von allen Bio-Betrieben zu erfüllen. Bei den Legehennen ist die Anzahl pro Stalleinheit auf 3000 Tiere beschränkt, gleichzeitig dürfen nicht mehr als sechs Tiere auf einem Quadratmeter Stall gehalten und es muss genug Auslauf gewährt werden. Außerdem ist die Tierhaltung im Ökolandbau an die Fläche gebunden. Es dürfen also nur so viele Tiere gehalten werden, wie auch Fläche für Grundfutter und Mist zur Verfügung steht. Diese schränkt oft automatisch die Größe der Betriebe ein.

Was bedeutet es für die Biobranche, dass Landwirte von der EU künftig weniger Fördergeld bekommen sollen?

HÖFKEN Die vorgeschlagenen Kürzungen der Direktzahlungen von fünf Prozent treffen alle Betriebe, die Kürzungen der EU-Gelder für Ökolandbau und umweltschonende Landwirtschaft liegen bei mehr als 25 Prozent. Aber darüber wird noch gestritten werden. Wie weit es den ökologischen Landbau treffen wird, hängt ja auch davon ab, was die einzelnen Mitgliedstaaten in einem neuen Nationalen Strategieplan vorsehen. Wir werden auf der Finanzierung von 20 Prozent Ökolandbau bestehen und das von der Bundesregierung selbstverständlich einfordern – denn das ist ja auch das Ziel, das sich die Bundesregierung gesetzt hat.

Das Gespräch führte
Katharina de Mos

Die rheinland-
pfälzische 
Umwelt­ministerin
Ulrike Höfken. Foto: Dedert/dpa
Die rheinland- pfälzische Umwelt­ministerin Ulrike Höfken. Foto: Dedert/dpa FOTO: dpa / Arne Dedert