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Bauern-Demo in Mainz
Die Angst vorm großen Höfesterben

 Protest gegen Agrarpolitik und schlechten Ruf: Landwirte demonstrieren in Mainz.
Protest gegen Agrarpolitik und schlechten Ruf: Landwirte demonstrieren in Mainz. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Mainz . Bauern protestieren für ein besseres Image und gegen strengere Vorschriften. Rheinland-Pfalz will nun umstrittene Messstellen prüfen. Von Florian Schlecht

Das Hupen der Bauern ist auf kilometerweiter Entfernung zu hören, hunderte Traktoren parken in der Nähe des Landtags, bei Reden bimmelt eine Kuhglocke, auf einem Transparent steht dichterisch: „Nicht vergessen: Wir sorgen für Essen“. Auf einem Platz in Mainz, wo sonst Schüler bei „Fridays for Schüler“ für Klimaschutz protestieren, werben nun die Bauern aus ganz Rheinland-Pfalz für sich. Fast 500 Landwirte haben am Mittwoch gegen strengere Auflagen beim Naturschutz und einen schlechten Ruf der Agrarwirtschaft demonstriert. Klaus-Peter Weinand, Landwirt aus Bitburg, fasst die Ängste der Bauern in eindringliche Worte: „Ändert sich nichts, droht ein Höfesterben in Rheinland-Pfalz in einer Dimension, wie wir sie bislang nicht gekannt haben“, warnt der Eifeler.

Auf Kritik stößt bei der Demo besonders auf das Agrarpaket des Bundes, das unter anderem vorsieht, den Düngebedarf in nitratbelasteten Gebieten um 20 Prozent zu senken. Viele Bauern beklagen, Böden dann nicht mehr fruchtbar bewirtschaften zu können und immer weniger Geld zu verdienen.

Der Eifeler Weinand moniert dabei die Stellen in Rheinland-Pfalz, die überhaupt Nitratwerte messen. Wenn solche Messstellen mitten im Wohngebiet einer 100 000-Einwohner-Stadt wie Trier oder in der Nähe von Mülldeponien stünden und bei Verstößen Auflagen bis ins 70 Kilometer entfernte Umland hinein drohten, habe das nichts mit Fehlern von düngenden Landwirten zu tun, sagt Weinand. 43 Prozent der Nitrat-Messstellen lägen landesweit in Gebieten, die nicht von der Landwirtschaft genutzt würden, kritisiert die Initiative „Land schafft Verbindung“, die die Demo in Mainz organisiert hat.



Der rheinland-pfälzische Landwirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) kündigt vor den Demonstranten an, die Messstellen genauer unter die Lupe zu nehmen, als er für das Jahr 2020 einen Agrargipfel in Rheinland-Pfalz verspricht. „Wir werden jede einzelne Messstelle besprechen. Das wird alles überprüft“, sagt Wissing, der ansonsten Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) nicht mit Kritik verschont.

Das Agrarpaket der Bundesregierung sei eine neue Form des „Ökopopulismus“, schimpft der Minister und erntet seltenen Applaus von den Landwirten, die Politiker auf der Bühne mehrfach lautstark mit dem Vorwurf angreifen, nicht zu handeln.

Julia Klöckner wehrt die Vorwürfe von Wissing auf Anfrage unserer Zeitung ab. Wie bei der Düngeverordnung. „Herr Wissing war bei keiner der Sitzungen da, zu denen ich die Landesminister geladen habe. Das schien ihm dann wohl doch nicht so wichtig gewesen zu sein“, sagt Klöckner und legt gleich nach. Ampel-Vertreter hätten zugleich in einer Sitzung die 20-Prozent-Regel gefordert, die Wissing nun geißele.

Auch bei den Nitrat-Messstellen in Rheinland-Pfalz fordert Klöckner Tempo. „Es ist schon lange nötig, dass die rheinland-pfälzische Landesregierung handelt, Messstellen endlich überprüft und auch binnendifferenziert, um genauere Werte über Nitrat im Grundwasser zu bekommen“, fordert die Ministerin. Andere Bundesländer seien da längst vorangeschritten. Im Land stünden sich das FDP-geführte Agrarministerium und das von den Grünen geleitete Umweltressort gegenseitig auf den Füßen. „Leider sprechen Herr Wissing und Frau Höfken nicht mit einer Stimme, blockieren sich gegenseitig“, meint Klöckner.

Landwirte wie Klaus-Peter Weinand monieren wiederum bei der Politik, nicht zu gemeinsamen Lösungen zu kommen: „Eine Instanz schiebt die Probleme auf die nächste“, sagt er. Und das ist nicht die einzige Not der Landwirte. Sie fordern in Mainz auch mehr Wertschätzung ein. Der Wittlicher Landwirt Manfred Zelder kritisiert, Verordnungen würden den Bauern übergestülpt, ohne mit ihnen zu sprechen. Der Einzelhandel knebele die Landwirte bei den Marktpreisen. Dazu komme das Bauern-Bashing in der Gesellschaft. „Wir lassen uns nicht mehr in die Schmuddelecke stellen, das hört jetzt endlich mal auf“, sagt Zelder und schaut sich zufrieden die Demo an, bei der viele Bauern bei klirrender Kälte und strömendem Regen ausharren, mit Schirm und heißem Kaffee in der Hand.

Mit organisiert hat den Protest auch die Vulkaneifelerin Hannah Wirtz, die auf einem Hof in Dreis-Brück aufgewachsen ist, den die Familie führt. Auch sie erwartet mehr Respekt. „In der Schule wurde ich häufiger mal ,Du Bauernkind’ gerufen“, sagt Wirtz, die auch Landwirte auffordert, mehr Kontakt mit Verbrauchern zu suchen, um „den falschen Ruf von Tierquälern und Umweltverschmutzern“ aus der Welt zu schaffen und „die Qualität unserer Arbeit zu zeigen“.

Ihr Vater Werner, der morgens um fünf Uhr noch im Stall in Dreis-Brück stand und dann mit dem Zug zur Demo nach Mainz fuhr, sagt, er protestiere „für die Jugend“, die durch immer strengere Regeln eingeschränkt würde. Das müsse sich ändern, sagt der Vulkaneifeler hoffnungsvoll, ehe er zum Bahnhof geht. „Zum Füttern der Tiere“, sagt er, „will ich wieder zuhause sein.“