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Geplante Kirchenreform
Gegner der XXL-Pfarreien drohen mit Klage

Teilnehmer der Protestkundgebung der Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ demonstrierten am Samstag vor dem Trierer Dom mit Plakaten gegen die von Bischof Stephan Ackermann geplante Reform im Bistum Trier.
Teilnehmer der Protestkundgebung der Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ demonstrierten am Samstag vor dem Trierer Dom mit Plakaten gegen die von Bischof Stephan Ackermann geplante Reform im Bistum Trier. FOTO: dpa / Harald Tittel
Trier. 1500 Gläubige demonstrierten in Trier gegen die Auflösung der Kirchengemeinden. Bischof Ackermann hält an seinen Plänen fest. Von Rolf Seydewitz

Eigentlich sollte Triers Bischof Stephan Ackermann am vergangenen Samstagvormittag etwas anderes vorhaben. Doch um kurz vor zwölf, mit Beginn der Protestaktion, kommt der 55-Jährige dann doch vom nahegelegenen Bischofssitz Richtung Domfreihof spaziert. Dort gesellt sich Ackermann zu dem bereits anwesenden Grüppchen seiner Weihbischöfe, Domkapitulare und Direktoren und verfolgt vom Rande aus mit mal interessiertem, mal skeptischem und mal amüsiertem Blick das Geschehen auf der Bühne.

Ein Chor aus der Eifel singt stimmgewaltig „Komm Schöpfer Geist“, während kurz zuvor noch zwei Dutzend Klapperkinder mit ihren lauten, hölzernen Ratschen auf die Protestveranstaltung aufmerksam gemacht hatten. Was ist denn da los?, mag wohl mancher Tourist angesichts des ungewöhnlichen Aufmarsches vor dem Trierer Dom gedacht haben. Dort gibt es zwar immer mal wieder größere kirchliche Veranstaltungen, etwa die Heilig-Rock-Tage. Aber dass es ein Zusammentreffen von katholischen Gläubigen ist, um gegen die Reformpläne des Bischofs zu protestieren, ist dann doch etwas Außergewöhnliches in der Geschichte von Deutschlands ältestem Bistum.

Ob Bischof Stephan Ackermann auch daran denkt, als er die Inschriften der zahllosen in die Höhe gehaltenen Protestschilder, Plakate und Banner auf dem Domfreihof sieht? Rund 1500 Gläubige folgten dem Aufruf der Initiative Kirchengemeinde vor Ort. Das nach eigenen Angaben von 264 Kirchengemeinden im Bistum Trier unterstützte reformkritische Bündnis will, dass die derzeit noch 887 Pfarreien mit ihrem Vermögen bestehen bleiben können, wenn dies vor Ort gewünscht ist. „Geht es nur um Geld und Macht. Dann, liebes Bistum, gute Nacht“ steht auf einem Schild zu lesen, „Wir wollen Eigenständigkeit“ auf einem anderen. Auf einem weitere Plakat werden Ackermann und seine rechte Hand, Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg, direkt angesprochen: „Stephan & Ulrich: Wieso 10 000 Engagierte entmündigen?“, bringt die Inschrift eine der größten Befürchtungen der Kritiker auf den Punkt. Wenn es nach dem 1. Januar 2020 nur noch 35 XXL-Pfarreien (davon 10 im Saarland) gibt, so die Prognose, werden sich viele Ehrenamtliche nicht mehr engagieren.



„Die Kirche muss im Dorf bleiben“, fordert Initiativen-Sprecher Harald Cronauer. Der ehemalige Vorsitzende der saarländischen FDP kritisiert, dass die von Bischof Ackermann eingesetzte Synode niemals beschlossen habe, die Kirchengemeinden aufzulösen. Er appelliert an die Bistumsleitung, die Reform auszusetzen und sich mit den Kritikern an einen Tisch zu setzen. Ähnlich argumentiert auch der saarländische Landrat Udo Recktenwald (CDU), der – wie sein Eifelkreis-Kollege Joachim Streit – bereits in einem offenen Brief die Bistumspläne scharf kritisiert hatte. „Wir gehen für unseren Glauben und das Ehrenamt auf die Straße. Uns ist es nicht egal, wenn die Kirchen geschlossen werden“, so der St. Wendeler Landrat. Es gebe Alternativen zu den geplanten XXL-Pfarreien, meint der Kölner Theologe und Pädagoge Professor Josef Freise.

Die Adressaten halten an diesem Tag eifrig dagegen. Besser gesagt: Sie versuchen es. Die mit Namensschildern ausgestattete Direktorenriege des Bistums verteilt unter den Vorbeikommenden ein doppelseitig bedrucktes DIN-A4-Blatt, auf dem die zentralen Behauptungen der Kritiker mit Gegenargumenten gekontert werden. „Fakten-Check“ ist das Blatt überschrieben.

Derweil stellt Recktenwald vorne auf dem Podium die Frage, warum das Bistum mit dem Sparen eigentlich nicht oben anfange. Ackermann, der die Frage beantworten könnte, steht währenddessen mit verschränkten Armen nicht weit von dem CDU-Politiker entfernt und schmunzelt. Eine gute halbe Stunde später wird Ackermann einem knappen Dutzend Journalisten erklären, dass das Bistum an seiner Reform und dem Zeitplan festhalten werde, wenn bei der Umsetzung womöglich nicht alles schon zum 1. Januar 2020 in trockenen Tüchern sei. Einige Anregungen der Kritiker seien zudem bereits berücksichtigt worden. Eine Aussage, die bei den Kritikern der Initiative Kirchengemeinde vor Ort kaum auf Beifall stoßen dürfte. Sie haben bereits angekündigt, weiter gegen die geplante Auflösung der kleinen Kirchengemeinden mobil zu machen. Sollte dies auf der Gegenseite auf taube Ohren stoßen, will das Bündnis vor das Kirchen- und vor das Verwaltungsgericht ziehen. Eine entsprechende Ankündigung wurde zum Abschluss der Protestveranstaltung vor dem Dom per Akklamation von den Demonstranten verabschiedet.

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) kann die Befürchtungen wegen der geplanten Reform nachvollziehen. Die Menschen sorgten sich, „dass mit der Bistumsreform möglicherweise dieses Ehrenamt vor Ort, diese Bindung des kirchlichen Ehrenamtes an den Wohnort, verloren gehen könnte. Und diese Sorgen, die teile ich“, sagte der Regierungschef der Deutschen Presse-Agentur. Er habe dies Bischof Ackermann mitgeteilt. „Und ich werde mit ihm das Gespräch suchen“, sagte Hans.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann (rechts, mit Mütze) verfolgte die Protestkundgebung mal amüsiert und mal skeptisch.
Der Trierer Bischof Stephan Ackermann (rechts, mit Mütze) verfolgte die Protestkundgebung mal amüsiert und mal skeptisch. FOTO: dpa / Harald Tittel