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Interview
„Epidemie könnte teuer werden“

 Die Menschen stehen Schlange, um Gesichtsmasken zu kaufen. Trotz beispielloser Maßnahmen verbreitet sich das Coronavirus in China immer weiter.
Die Menschen stehen Schlange, um Gesichtsmasken zu kaufen. Trotz beispielloser Maßnahmen verbreitet sich das Coronavirus in China immer weiter. FOTO: dpa / Kin Cheung
Trier. Der China-Experte der Uni Trier warnt vor Auswirkungen des Coronavirus auf die Wirtschaft. Von Bernd Wientjes

() Seit Jahresbeginn lähmt der Ausbruch des Coronavirus das Leben und die Wirtschaft in Teilen von China. Millionen Chinesen leben derzeit in Quarantäne. Zeugt das von Aktionismus oder ist die Abriegelung ganzer Regionen tatsächlich notwendig? Welche Auswirkungen hat das unter anderem für die dortige Wirtschaft und die deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen? Darüber sprach unser Mitarbeiter Bernd Wientjes mit Sebastian Heilmann, Professor für Politik und Wirtschaft Chinas an der Uni Trier.

Wie bewerten Sie die Auswirkungen des Virus auf die chinesische Wirtschaft? Wird dadurch das Wirtschaftswachstum erlahmen?

SEBASTIAN HEILMANN Das erste Quartal 2020 wird für die chinesische Wirtschaft sehr schwach bis katastrophal ausfallen. Ein großer Teil der Industrieproduktion wird mindestens noch für einige Wochen mit stark verminderter Kapazität laufen. Der Dienstleistungssektor ist in vielen Teilen Chinas noch schneller abgestürzt als die Industrie. Sobald die Epidemie abflaut, wird es nach aller Erfahrung zwar sprunghafte Nachhol-Effekte geben. Aber für das Gesamtjahr wird Chinas  Wachstum beim Brutto-Inlands-Produkt unter den angestrebten 6 Prozent bleiben – ganz sicher dann, wenn die Epidemie erst im März oder April ihren Höhepunkt erreichen sollte.



 Wie bewerten Sie die Reaktion der chinesischen Regierung auf den Ausbruch des Virus? Aktionismus oder effektives Handeln?

HEILMANN Die örtlichen Behörden in der Großstadt Wuhan haben in den ersten Wochen Informationen über das neuartige Virus zurückgehalten, weil „Stabilität“ ihnen von der Parteizentrale in Peking als wichtigstes Ziel vorgegeben ist. Mehrere Ärzte hatten schon Mitte Dezember vor diesem unbekannten Virus gewarnt. Kein chinesischer Bürgermeister und keine örtliche Gesundheitsbehörde will aber auf eigenes Risiko einen Großalarm auslösen, ohne dass Peking dies genehmigt hat. Diese politische Trägheit hat die Eindämmung des Virus wohl um zwei bis drei kritische Wochen verzögert. Das war eine schwerwiegende, systembedingte Fehlleistung.

Waren die Quarantäne-Maßnahmen in der Form notwendig?

HEILMANN Ich teile die Einschätzung vieler Epidemiologen, dass die drastischen Quarantäne-Maßnahmen der chinesischen Regierung unvermeidlich, notwendig und hoffentlich auch wirkungsvoll sind, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen und zu begrenzen. Andererseits sind viele aktuelle staatliche Kampagnen, auch der Bau eines Container-Notkrankenhauses innerhalb einer Woche, als Teil staatlicher Propaganda zu sehen. Einer derart großen und neuartigen Epidemie ist mit Mobilisierungskampagnen der Kommunistischen Partei nicht beizukommen. Die Überlastung des chinesischen Gesundheitssystems ist offensichtlich.

Wird die Virusepidemie Auswirkungen auf die deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen haben?

HEILMANN Wenn die chinesische Industrieproduktion auch in den kommenden Wochen noch weitgehend stillstehen sollte, werden wir — mit einigen Wochen Verzögerung — weltweit Lieferengpässe und Preisauftrieb in vielen betroffenen Branchen sehen. Mit Verzögerung, weil die üblichen Lieferungen jetzt noch auf Containerschiffen unterwegs sind, die China voll bepackt vor den Industrie- und Transportstopps verlassen haben. Die harten Engpässe werden deshalb erst vier bis sechs Wochen nach den chinesischen Produktionsstopps auf die Überseemärkte zukommen. Ich rechne ziemlich sicher mit Lieferengpässen bei Autoteilen, Elektronik, auch Smartphones und bei Pharma-Produkten. Viele Wirkstoffe für bei uns verkaufte Generika wie auch Antibiotika werden in China produziert. Alles hängt vom Zeitpunkt des Wieder-Anlaufens der Produktion in China ab. Wenn die Produktion nächste Woche wieder unter Dampf kommt, werden wir mit einem blauen Auge davonkommen. Ansonsten wird diese Virusepidemie sehr schmerzhaft und teuer, auch für uns Europäer.