| 23:41 Uhr

Nach Messerattacke von Kandel
CDU will mehr Unterstützung für Jugendämter

Menschen haben vor dem Kandeler Drogeriemarkt, in dem die 15-Jährige erstochen wurde, Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt.
Menschen haben vor dem Kandeler Drogeriemarkt, in dem die 15-Jährige erstochen wurde, Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt. FOTO: Andreas Arnold / dpa
Mainz. Durch die vielen zu betreuenden unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge ist für die kommunalen Jugendämter eine sehr schwierige Situation entstanden, findet die rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Julia Klöckner im Zusammenhang mit der tödlichen Messerattacke eines jungen Afghanen in Kandel auf eine 15-Jährige.

Als Konsequenz aus dem Gewaltverbrechen in Kandel fordert die rheinland-pfälzische CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner eine bessere Unterstützung der Jugendämter in den Kommunen. „Durch die vielen zu betreuenden unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge ist für die kommunalen Jugendämter eine sehr schwierige Situation entstanden“, erklärte Klöckner am gestrigen Donnerstag in Mainz. Diese benötigten eine ausreichende Ausstattung mit Personal und Geld, um die zusätzlichen Aufgaben bewältigen zu können. Nötig sei auch eine intensive Beratung der Jugendämter mit Blick auf den „besonderen Hintergrund dieser Flüchtlingsgruppe“. Landtagsfraktionschefin Klöckner forderte insbesondere eine Entlastung der Jugendämter in der Frage der Altersbestimmung von jungen Flüchtlingen. Sie schlug die Einrichtung von „zentralen Vorclearingstellen“ nach saarländischem Vorbild vor.

In der südpfälzischen Stadt Kandel war am 27. Dezember ein 15-jähriges Mädchen bei einer Messerattacke so schwer verletzt worden, dass es starb. Als verdächtig gilt der ehemalige Freund, ein nach offiziellen Angaben gleichaltriger Flüchtling aus Afghanistan. Ein medizinisches Gutachten soll nun für Klarheit sorgen, ob der Verdächtige möglicherweise älter ist als angegeben. Nach Angaben des Kreises Germersheim, bei dem das zuständige Jugendamt angesiedelt ist, wird eine Volljährigkeit derzeit „von allen Beteiligten ausgeschlossen“.

Der Chef der Hamburger Rechtsmedizin, Klaus Püschel, sieht das ganz anders. Er hält den jungen Afghanen, der in Kandel die 15-jährige Schülerin erstochen haben soll, für älter. Mit Blick auf ein Foto des Tatverdächtigen sagte Püschel der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Anhand des Fotos ist diese Person für mich deutlich älter als 15 Jahre. Ich schätze den jungen Mann sogar auf deutlich über 20 Jahre.“ Nach der Tat in einem Kandeler Drogeriemarkt waren erhebliche Zweifel am Alter des mutmaßlichen Täters aufgekommen. Er behauptet, selbst erst 15 Jahre alt zu sein.



Püschel sprach sich in Zweifelsfällen für bundesweit einheitliche Altersuntersuchungen bei Flüchtlingen aus. „Wenn es Widersprüche zwischen der Einschätzung der Behörden und den Angaben der Person gibt, dann bekommt sie die Möglichkeit, mit einer Untersuchung zu beweisen, dass sie jünger ist“, sagte Püschel. So verfahre man bereits in Hamburg.

„Ich verstehe nicht, dass das nicht deutschlandweit einheitlich gehandhabt wird“, sagte der Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE). Die standardisierten Untersuchungsverfahren seien nicht aufwendig. „Ich verstehe auch nicht, warum Behörden nicht häufiger Angaben überprüfen, die offensichtlich falsch sein können.“

Er könne unzählige Beispiele an seinem Institut nennen, in denen Flüchtlinge der Lüge überführt wurden. „In der Vergangenheit waren ungefähr drei Viertel der Personen, die wir untersucht haben, viel älter, als sie behaupteten. In den letzten zwölf Monaten war es noch ungefähr die Hälfte. Es kann also sein, dass unsere Untersuchungen zumindest in Hamburg zu Klärung und Wahrheit beigetragen haben“, meinte der Rechtsmediziner.

Das rheinland-pfälzische Integrationsministerium hat nach Angaben eines Sprechers eine Abfrage bei allen 41 Jugendämtern in Rheinland-Pfalz gestartet. Dabei soll ermittelt werden, wie oft in Zweifelsfällen eine medizinische Altersüberprüfung bei minderjährigen Geflüchteten veranlasst wurde.

Der junge Afghane war mehrere Monate mit der 15-Jährigen zusammen, bis diese Anfang Dezember Schluss machte und ihn Mitte Dezember anzeigte – wegen Beleidigung, Nötigung, Bedrohung und Verletzung persönlicher Rechte. Der Vater des Mädchens war deshalb ebenfalls zweimal bei der Polizei.

Die Beamten beharren darauf, dass sie den Vormund des Jugendlichen beim Jugendamt vorab über den Vorwurf der Bedrohung informiert haben (wir berichteten). Das Jugendamt hatte dagegen am Dienstag bestritten, von der Polizei darüber informiert worden zu sein, dass der Ex-Freund der erstochenenen 15-Jährigen auch wegen Bedrohung angezeigt worden war. Dazu erklärte die Polizei am Mittwoch, der Vormund des Verdächtigen sei am 18. Dezember über die Anzeigen informiert worden. „Der Sachbearbeiter hat dem Vormund mitgeteilt, dass der Beschuldigte ehrverletzende Bilder des Mädchens anderen öffentlich zugänglich machte, dem Mädchen drohte, sie am Bahnhof Kandel abzupassen und, dass sie in Zukunft aufpassen müsse.“

Bei einem Telefonat am 19. Dezember habe der Sachbearbeiter dem Vormund die Vorwürfe erneut dargestellt und vor allem die vom Beschuldigten ausgesprochenen Drohungen „abpassen“ und „aufpassen“ angesprochen. Der Kreis weist darauf hin, dass es am 21. Dezember ein Gespräch mit dem Verdächtigen gegeben habe.