| 21:30 Uhr

Gesellschaft
Jüdischer Ex-Rapper wird in Schule beschimpft

Mainz. Von Carsten Zillmann

Antisemitische Verunglimpfungen gehören für Ben Salomo zum Alltag in Deutschland. Salomo, der mit bürgerlichem Namen Jonathan Kalmanovich heißt, wurde in Rechovot bei Tel Aviv geboren, wuchs aber in Berlin auf. Obwohl Religion für ihn keine besonders große Rolle spielt, wird er schon als Teenager in den 90er- Jahren diskriminiert – weil er Jude ist. Salomo fand seinen sicheren Hafen – seinen „safe Space“, wie er sagt – im Hip-Hop.

Doch trotz Millionen von Clicks auf YouTube gab er seinen erfolgreichen Kanal „Rap am Mittwoch“ und die Musik auf. Der Grund: „Die Deutsch-Rap-Szene denkt inzwischen ähnlich antisemitisch wie die Rechtsrockszene.“ Seitdem versucht Salomo, Antisemitismus zu bekämpfen, und zwar nicht nur „den Schimmel“, sondern „die Feuchtigkeit“. „Dort müssen wir ran“, ist er sicher. Gemeinsam mit dem Journalisten und Autor Christoph Giesa besuchte er in der vergangenen Woche das Mainzer Gutenberg-Gymnasium. Dort wurde er von einer Schülerin mit antisemitischen Parolen angefeindet.

Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium hatte in der Vergangenheit stets betont, dass es kein Antisemitismusproblem an den Schulen des Landes gibt. Vorfälle? Keine bekannt. „Anzeichen für einen zunehmenden Antisemitismus unter Schülerinnen und Schülern registrieren wir nicht“, heißt es auch jetzt aus dem Haus von Ministerin Stefanie Hubig (SPD). Den Vorfall am Gutenberg-Gymnasium bestätigte man aber.



Salomo schilderte das Geschehen im Rahmen eines Vortrags bei der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit: „Da ist eine Schülerin aufgestanden und hat sich ziemlich deutlich antisemitisch geäußert.“ Unter anderem sei die palästinensische Parole „Juden ins Meer“ gefallen. Auch weitere Klischees und Stereotype musste sich Salomo anhören.

Giesa betonte, dass das kein Einzelfall sei: „Wir erleben das immer wieder an Schulen – manchmal verlassen selbst Lehrer wutentbrannt den Raum.“ Salomo erklärte, dass auch manche von ihnen Probleme haben, wenn er über Vorurteile wie „Die Juden kontrollieren alle Banken“ oder „Juden sind Brunnenvergifter“ aufgreife. In Mainz handelte es sich um eine Teenagerin mit palästinensischem Hintergrund.

Um sie herum gruppierten sich mehrere Schüler, die sie unterstützen. „Nach Aussage der betreuenden Lehrkraft stellte eine Schülerin mit palästinensischem Hintergrund nicht nur kritische Fragen, sondern transportierte zudem antisemitische und antiisraelische Stereotype“, erklärte das Ministerium. Salomo selbst griff ihre Äußerungen auf und suchte auch das persönliche Gespräch. Der betreuende Geschichtslehrer habe die Äußerungen auch am kommenden Tag Unterricht thematisiert.

Welche Konsequenzen hat dieser Ausfall für die Schülerin? „Bereits unmittelbar nach den Äußerungen hat eine Intervention mit der Schülerin und anderen Diskussionsteilnehmenden stattgefunden. Ebenso hat die zuständige Lehrkraft den Vorfall im Unterricht aufgegriffen und thematisiert. Neben der klaren Ansprache, dass Antisemitismus an der Schule keinen Platz hat, geht es jetzt darum, den Vorfall pädagogisch aufzuarbeiten. Dies wird erfolgen“, teilte ein Sprecher von Bildungsministerin Stefanie Hubig mit. Von disziplinarischen Schritten war nicht die Rede.

Programme zur Bekämpfung antisemitischer Einstellungen an Schulen gebe es zu genüge: Das Land fühle sich dabei der „Gemeinsamen Erklärung des Zentralrats der Juden und der Kultusministerkonferenz zur Vermittlung jüdischer Geschichte, Religion und Kultur in der Schule“ verpflichtet.

Man biete neben kommentierten Unterrichtsmaterialien auch zahlreiche Fortbildungen für Lehrkräfte – auch speziell hinsichtlich des Nahostkonflikts – an. Außerdem gibt es die Koordinierungsstelle für Zeitzeugenarbeit am Pädagogischen Landesinstitut. Sie vermittelt Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Holocaust sowie deren Kinder und Enkelkinder an Schulen.

Salomo fordert noch mehr Engagement und betont, dass „die Lehrer das nicht leisten können“. Von ihnen erwarte er nur Aufmerksamkeit. „Für alles andere braucht es Profis, die nichts anderes machen, als Konzepte gegen genau solche Äußerungen parat zu haben“, sagt der Wahlberliner. „Aktuell ist es zu wenig, was passiert. Man sieht es schon daran, dass viele Juden daran denken, Deutschland zu verlassen.“