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SPD-Landesparteitag in Wittlich
17-Jähriger redet Genossen ins Gewissen

Der SPD-Landesvorsitzende Roger Lewentz jubelt nach seiner Wiederwahl beim Parteitag in Wittlich.
Der SPD-Landesvorsitzende Roger Lewentz jubelt nach seiner Wiederwahl beim Parteitag in Wittlich. FOTO: dpa / Harald Tittel
Wittlich. Ein redegewandter Jungpolitiker wird zum Star beim SPD-Parteitag in Wittlich. Die rheinland-pfälzischen Sozialdemokraten wollen harmonisch ins Wahljahr starten. Die Basis erkennt einen Aufbruch und freut sich.

Es ist ein 17-Jähriger, der die knapp 400 Genossen im Wittlicher Eventum daran erinnert, wofür ihre Partei (wieder) stehen sollte. Für soziale Gerechtigkeit. Für Respekt vor Arbeitnehmern. „Ich vermisse eine simple Würdigung für das, was Menschen in der Gesellschaft leisten“, sagte Jeremias Thiel, geschniegelt in Anzug und Krawatte, selbstsicher vor den Delegierten des rheinland-pfälzischen SPD-Landesparteitags. Der junge Kaiserslauterer, der in Armut groß geworden ist, der während der Fußballweltmeisterschaft 2006 in seiner Heimatstadt Flaschen sammelte, damit er sich Schuhe kaufen konnte, mit 14 in die Partei eingetreten ist und davon träumt, im amerikanischen Harvard zu studieren, ist so etwas wie das soziale Gewissen der rheinland-pfälzischen Sozialdemokraten. Auch wenn er von seinem Auftreten und seiner Wortwahl so gar nicht in das Bild eines aufmüpfigen Jusos passt, ist er es, der die Delegierten an diesem Samstagmorgen aufrüttelt, sie begeistert, ihnen aus der Seele spricht.

Man müsse den Menschen wieder mehr aufs Maul schauen, ihnen zuhören, mit ihnen sprechen, sagt dann auch der in seinem Amt mit deutlicher Mehrheit bestätigte Landeschef Roger Lewentz. Er meint damit weniger seine SPD in Rheinland-Pfalz. Er appelliert an die Genossen in Berlin. Der Bundespartei fehle es an Erkennbarkeit. Bloße Überschriften wie „soziale Gerechtigkeit“ ohne dass Menschen wüssten, was das für sie bedeute, seien nur Worthülsen. „Und für bloße Worthülsen wird keiner gebraucht und keiner gewählt“, ruft Lewentz den Delegierten zu.

Um zu zeigen, dass trotz der miserablen Umfragewerte und Wahrnehmung der Partei immer noch Menschen in die SPD eintreten, sind auf den Rängen demonstrativ Plätze für Neumitglieder reserviert. Zwei von ihnen sind Christoph Lipss und Denise Scharwatz aus der Pfalz. Sie fühlten sich gut aufgehoben bei der SPD, die schlechte Stimmung habe sie nicht abgeschreckt, sagen sie.



Das Signal ist klar: Es soll ein Aufbruch von dem Landesparteitag ausgehen. Die Bundes-SPD könne von den Genossen in Rheinland-Pfalz lernen, sagt Lewentz im Gespräch mit unserer Zeitung. Die hiesige Partei stehe für Geschlossenheit. Eine Geschlossenheit, wie sie die Ministerpräsidentin und die stellvertretende Bundesvorsitzende ihrer Partei, Malu Dreyer, in anderen Landesverbänden vermisst. Sie rüttelt die Delegierten verbal wach, ermuntert sie, sich, die Partei und deren Erfolge im Land und im Bund nicht kleinzureden. Das kommt bei den Genossen an. Sie bekommt am Ende einen deutlich längeren Beifall für ihre Rede als der Parteichef.

Die Aufbruchstimmung, die von diesem Parteitag ausgehen soll, mit dem die rheinland-pfälzische SPD gestärkt und harmonisch in das Wahljahr 2019 starten will, scheint bei der Basis anzukommen. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt Yvonne Mich aus Tawern im Kreis Trier-Saarburg. Auch sie ist der Meinung, dass man mehr auf die Leute zugehen müsse, ihnen Möglichkeiten geben, über das zu reden, was sie bewegt. Und das ist nach Ansicht von Alexander Schweitzer, SPD-Fraktionschef im rheinland-pfälzischen Landtag, eben nicht das Thema Migration und Flüchtlinge. Vielmehr seien es Infrastruktur, Bildung, Mieten, glaubt er. „Wir müssen wieder Themen setzen“, sagt der ehemalige Juso-Landeschef Erik Schöller aus Föhren im Landkreis Trier-Saarburg. Und diese Themen sind für ihn ganz klar soziale Gerechtigkeit und die Abschaffung von Hartz IV. „Es muss sich was ändern“, ruft er den Delegierten zu, als er sich (erfolgreich) für einen der 17 Beisitzerplätze im Landesvorstand bewirbt.

Das, wofür die SPD stehen soll, das zeigt sich auch bei den beim Parteitag eingebrachten Anträgen. Es geht etwa um „gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit“, sozialen Wohnungsbau und Verteilungsgerechtigkeit. Der Antrag der am ehesten das aufgreift, wofür die SPD wieder stehen will, trägt die Überschrift: Klare Kante für mehr Gerechtigkeit und soziale Sicherheit.