| 22:16 Uhr

Ausstellung in der Kunsthalle Mainz
Zwischen Utopie und Alptraum

Die Ausstellung „Virtual Insanity“ (3. August - 18. November) in der Kunsthalle in Mainz setzt sich mit den Schattenseiten der virtuellen Welt auseinander. Hier betrachten Besucher Jon Rafmans Video-Installation „Dream Journal“.
Die Ausstellung „Virtual Insanity“ (3. August - 18. November) in der Kunsthalle in Mainz setzt sich mit den Schattenseiten der virtuellen Welt auseinander. Hier betrachten Besucher Jon Rafmans Video-Installation „Dream Journal“. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Mainz. In der Kunsthalle Mainz kann man in der Ausstellung „Virtual Insanity“ in verstörende Welten eintauchen.

Das Leben in künstlich erzeugten Digitalwelten zeigt eine neue Ausstellung in der Kunsthalle Mainz unter dem Titel „Virtual Insanity“. Die am Donnerstagabend eröffnete Schau vereint Skulpturen, Installationen und Videos von zehn internationalen Künstlern. Gemeinsam ist ihnen die Beschäftigung mit den Übergängen zwischen virtueller Realität (VR) und der physisch erfahrbaren Welt.

„Ohne Frage erfüllt sich mit der Expansion unserer Realität eine menschliche Utopie“, sagte Kuratorin Stefanie Böttcher bei der Vernissage. „Doch es gibt Nebenwirkungen, die nicht erwünscht, teilweise sogar gefährlich sind.“ Dabei nannte sie körperlichen Schwindel, Rückzug und Verrohung.

Auf die Besucher warten teilweise sehr verstörende Darstellungen wie die Arbeit „Real Violence“ (2017) von Jordan Wolfson. Wer sich die VR-Brille aufsetzt, wird in eine Straße in New York versetzt und erlebt, wie ein junger Mann brutal zusammengeschlagen und getreten wird. Was die Begegnung mit solchen digital erzeugten Realitäten anrichtet, ist das Thema von Jon Rafmans Video-Installation „Dream Journal“. Hier verbinden sich surreale Alpträume mit Gewalt und sexuellen Obsessionen.



Antoine Catala aus Toulouse beschäftigt der Verlust der Fähigkeit, authentische Gefühle zu entwickeln. Seine 2017 entstandenen Bildschirminstallationen machen deutlich, dass die Sehnsucht nach Liebe und Berührung bleibt, auch wenn der Mensch sich in der Digitalisierung verändert und die Distanz zur vorherrschenden Erfahrung wird.

Eine Wiederbegegnung mit der virtuellen Welt „Second Life“ bietet die Video-Arbeit der chinesischen Multimedia-Künstlerin Cao Fei. Der Avatar der Künstlerin wird hier von einem Baby begleitet, das die Frage nach dem Altern in der virtuellen Welt stellt: „Ich will nicht immer ein Baby bleiben!“ Das kann der Mutter-Avatar nicht versprechen - stellt stattdessen aber in Aussicht: „Du wirst noch viele verschiedene Identitäten bekommen.“

Nach all den mitunter schwierigen Begegnungen wartet zum Abschluss des Rundgangs ein heilsamer Abschluss auf die Besucher: Sie können in der Installation von Tabita Rezaire über blauen Sand schreiten und ein virtuelles Raumschiff besteigen, sich mit Hilfe einer VR-Brille auf eine spirituelle Reise zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte begeben.

Der Titel der Ausstellung – übersetzt so viel wie „virtueller Wahnsinn“ – ist einem Song der britischen Band Jamiroquai aus dem Jahr 1996 entlehnt. Damals seien die begründeten Ängste vor den Folgen der Virtualisierung schon eindrücklich vorweggenommen worden, sagte Böttcher. Es könne durchaus reizvoll sein, sich mit Hilfe der Technik an einen anderen Ort oder in eine andere Person zu versetzen. Aber dann stelle sich die Frage: „Was geschieht, wenn die konstruierten Wirklichkeiten so real und attraktiv werden, dass der Anwender nicht mehr zurückkehren, nicht mehr auftauchen möchte?“