| 21:24 Uhr

Furiose Staatstheater-Premiere
Wir sind die Volksgewalt!

Ali Berber in der Titelrolle des „Danton“: Der gefürchtete Agitator und Lebemann, bei Regisseur Christoph Mehler ist er ein müder Wolf, der sich in die Bühnenecke verkriecht.
Ali Berber in der Titelrolle des „Danton“: Der gefürchtete Agitator und Lebemann, bei Regisseur Christoph Mehler ist er ein müder Wolf, der sich in die Bühnenecke verkriecht. FOTO: Martin Kaufhold / Martin Kaufhold/SST
Saarbrücken. Beängstigend und beglückend: Christoph Mehlers Version von Büchners „Dantons Tod“ am Saarländischen Staatstheater. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Wenn der Abend beginnt, kriecht Danton, der ehemalige Kampfstier des gesellschaftlichen Fortschritts, bereits im Staub, vor Robespierre. Es ist dessen Moment des Triumphes, der des ersten Terroristen der Weltgeschichte. Der selbst ernannte Messias der Französischen Revolution hat edle Freiheitsziele, doch er begeht blutige Taten. Die Verbreitung von Angst und Schrecken hat er zur Waffe des Fortschritts erklärt und lässt die Köpfe aller Gemäßigten rollen.  Doch hinter ihm, in Robespierres Rücken, tobt auf der Bühne des Saarbrücker Staatstheaters ein noch grausamerer Diktator, der Mob.

 „Die Guillotine ist zu langsam!“, skandiert das Staatstheater-Amateur-„Ensemble4“ in aggressivem Rhythmus. Weiß geschminkte Gesichter, dunkle Augenhöhlen, schwarze Klamotten – ein mörderischer Zombie-Chor: „Unsere Weiber und Kinder schreien nach Brot. Wir wollen sie mit Aristokratenfleisch füttern!“ In Saarbrücken ist das ein Befehl für die beiden Superhelden des Büchnerschen Dramas von 1835, in das der Autor die scharfsinnigen, brillanten Originalreden der Revolutionsführer einmontiert hat.

Doch bereits im ersten Bild zeigt Regisseur Christoph Mehler Danton und Robespierre nicht als Anführer, sondern als Getriebene. Des Volkes? Schlimmer: einer Naturgewalt. David Rimsky-Korsakows Musik dröhnt, drängt, grummelt, greift uns an; fahles Licht und Nebel steigern die beängstigende Situation. Während der gesamten Aufführung sind die aufgebrachten Bürger anwesend, mal tanzen sie zum Lied vom „Schnitter Tod“ ein gruselig-anmutiges Menuett, mal marschieren sie auf wie eine Armee. Freiheit? Totalitäre Gleichheit, in Choreografien gegossen.



Mehler, der sich in Saarbrücken bereits in der vergangenen Saison mit einer sehr eigenwilligen „Fräulein Julie“ vorgestellt hat, inszeniert nicht das übliche Kontrasttableau, das Duell zweier Alphatiere, zweier Temperamente und politischer Ideensysteme. Auch hat er kein Interesse an einem historisch-dokumentarischen Bilderreigen. Sein Jahr 1794, seine Französische Revolution, spielt in einer leeren, rohen, schwarzen Box, in einer bestürzenden All-Gegenwart, trotz einiger weniger Rokoko-Rüschen (Ausstattung: Jennifer Hörr).

 Die vom Publikum mit Riesenapplaus honorierte Aufführung konzentriert sich auf die Danton-Frage: „Was ist es, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?“. Mehler tritt zu einer inszenatorisch beglückenden Beglaubigung des allerletzten Satzes seines Programmheftes an: „Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen, nämlich dass sich vieles ändern lässt, bloß nicht die Menschen.“ Eine Menschheitstragödie also zeigt er uns, in der die philosophisch-existenzialistischen Passagen Priorität und auch die Mann-Frau-Beziehungen Priorität vor dem rein Politischen erhalten. So bündelt Mehler in Dantons Ehefrau Julie (Verena Bukal) auch die Rolle der Hure Marion. Insgesamt opfert er viel Personal und streicht den wenigen Figuren viel vom intellektuell brillanten Text, in dem Büchner Originalreden der Revolutionsführer zitierte. Seinen Schauspielern verweigert er psychologische Finessen, dennoch erlebt man erstaunlich intensive Kurz-Auftritte, etwa eines Thorsten Loeb als Lacroix. Er gehört zu Dantons Anhängern, die wollen, dass die Revolution aufhört und die Republik beginnt. Sind sie die Vernünftigen?

Bei Mehler tauchen sie als grell kostümierte Puppen- und Zirkusfiguren auf. Es sind tolldreiste Verkürzungen wie diese, die dem Publikum den Zugang erleichtern. Man erkennt sie sofort, die ahnungslosen Clowns, nicht die Verräter der Revolution, die ein Mühlwerk anwarfen, ohne dessen Mechanik zu kennen. Doch just deshalb nimmt man das kindliche Schlottern und naive Staunen von Lucille (Juliane Lang) und Camille (Michael Wischniowski) ob ihrer Verhaftung wie einen Fausthieb wahr. Diese Naivlinge ticken wie du und ich, sie wollten nur ein bisschen radikal sein. Und Robespierre?

Bei Mehler ist er ein provokanter Gegenentwurf zum asketischen Hassprediger und Moralisten ohne Güte, wie man ihn aus anderen Inszenierungen kennt. Gregor Trakis stellt den Danton-Widerpart als eitel aufgeputzten Schnösel dar, als zu kurz gekommenen Intriganten und Aufsage-Marionette eines Mannes, der hier als wahre dämonische Überfigur auftaucht: St. Just. Mal steppt Raimund Widra zur perfiden Logik seiner Hassreden oder er geilt mit Angstlust-Refrainen wie ein Heavy-Metal-Sänger das Volk auf: „Wir wollen ein Blutgericht über unsere Feinde halten!“ Trommel-Gewitter und Peitschenknallen begleiten diesen obszönen Hohepriester – ein fulminanter Auftritt.

Gewalt und Eros, dagegen kommt rein darstellerisch ein nachdenklicher und ausgebluteter Danton kaum an. Ali Berber trägt noch das knappe, glänzende Popstar-Höschen, doch die Haare sind grau und wirr geworden über all den Unschuldigen, die auch er aufs Schafott schickte. Der gefürchtete Agitator und Lebemann, bei Mehler ist er ein müder Wolf, der sich in die Bühnenecke verkriecht. Nur vor Gericht erwacht die alte Kampfrede-Maschine in Berber, seine Worte werden zum bewegenden Appell, die Masken, die Ideologien uns aufmalen, abzureißen. Doch das Ende des Abends gehört dem bis an die Rampe anbrandenden Volk, dem Orkan der Mordlust. Schrecklich erhellend, dieser große Abend.

Nächste Termine: 23., 28. März,  13., 17., 27 und 28. April. Karten unter Tel.: (0681) 30 92 482.

Furioser Auftritt: Raimund Widra als dämonischer St.Just.
Furioser Auftritt: Raimund Widra als dämonischer St.Just. FOTO: Martin Kaufhold / Martin Kaufhold/SST
Szene mit Ali Berber (Danton), Gabriela Krestan (Hermann), Verena Bukal (Julie, Dantons Gattin) und dem Staatstheater-Amateurensemble Ensemble 4.
Szene mit Ali Berber (Danton), Gabriela Krestan (Hermann), Verena Bukal (Julie, Dantons Gattin) und dem Staatstheater-Amateurensemble Ensemble 4. FOTO: Martin Kaufhold / Martin Kaufhold/SST