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Lesung in Saarbrücken
Wir sind die Moral der Geschichte

„Kann man ein Comeback der Zukunft planen?“, heißt es einmal in Robert Menasses EU-Roman, für den der Autor lange vor Ort recherchierte. Blick auf die Brüsseler EU-Zentrale.
„Kann man ein Comeback der Zukunft planen?“, heißt es einmal in Robert Menasses EU-Roman, für den der Autor lange vor Ort recherchierte. Blick auf die Brüsseler EU-Zentrale. FOTO: Virginia Mayo / dpa
Brüssel. Seit er im letzten Oktober für seinen EU-Roman „Die Hauptstadt“ den Deutschen Buchpreis bekam, ist Robert Menasse mehr oder weniger auf Lesetournee. Morgen macht er in Saarbrücken Station. Was lehrt uns der Roman über die Machtzentrale Europas? Von Christoph Schreiner

In zahllosen Interviews hat Robert Menasse seit dem Erscheinen seines jüngsten Romans „Die Hauptstadt“ im vergangenen Herbst wissen lassen, dass er für sein flugs als „europäischer Schlüsselroman“ apostrophiertes und mit dem Deutschen Buchpreis geadeltes Buch ausgiebig in Brüssel recherchiert hat. Er sei, machte Menasse klar, im Grunde mit denselben Klischees dorthin gereist, die selbst viele überzeugte Europäer mittlerweile gegenüber dem Projekt „Europäische Union“ ins Feld führen: Brüssel als bürokratischer Moloch, als Hort maßloser Reglementierungswut und heilloser Intransparenz.

Doch je länger er im Dunstkreis der EU-Kommission unterwegs war und mit diversen EU-Beamten zusammentraf, umso mehr ließ der aus Wien stammende und dort lebende Menasse diese übliche Brüssel-Erzählung hinter sich. Wenn man so will, bohrte er lange und tief genug, um dort Wasser auf die Mühlen seiner ideelen EU-Euphorie zu finden.

Bevor sich Menasse (63) an seinen Roman machte, fing er seine Brüssel-Erkundungen zunächst in zwei essayistischen Texten ein, in denen er sich bei aller Kritik am status quo als glühender Europäer erwies und darin bereits die (kultur-)politische Stoßrichtung seines prämierten Romans vorwegnahm. Insbesondere in „Kritik der europäischen Vernunft“, seiner zum 60-jährigen Jubiläum der die EU vorwegnehmenden „Römischen Verträge“ vor elf Monaten im EU-Parlament gehaltenen Rede, warb Menasse für ein Überwinden der nationalstaatlichen Fesseln, die das politische Projekt Europa bis heute scheitern zu lassen drohten. „Wer die Gründer lobt, unterzieht die Erben einer vernichtenden Kritik“, bilanzierte er in seiner Rede, „weil sie ohne Zukunftsvision nur noch die Krisen managen, die sie selbst so pragmatisch produziert haben“. Zugleich aber machte Menasse deutlich, dass die EU alternativlos und allen tagespolitischen Untiefen zum Trotz weit besser sei als ihr Ruf.



Fünf Jahre zuvor hatte er bereits in seinem Lang-Essay „Der europäische Landbote“ (der Titel spielte auf Büchners „Hessischen Landboten“ an) Bedingungen für den Ausbau des bislang nur „ökonomischen Joint Ventures“ EU zur wünschenswerten politischen Union benannt: eine „vergemeinschaftete Außen- und Sicherheitspolitik“ sowie eine supranationale Haushaltsplanung. Schon hier wie auch in seiner Brüsseler Rede erinnerte Menasse an Jean Monnet und Walter Hallstein, zwei der „geistigen Väter“ der „Römischen Verträge“, die nun auch in „Die Hauptstadt“ als Ahnherren des Projekts Europa wiederkehren. Insoweit schließt sich hier ein Kreis.

Man kann Menasses jüngstes EU-Epos, mit dem er seit Monaten auf Lesetour ist, als Verteidigung der schlecht beleumundeten Brüsseler Bürokratie gegen ihre populistischen Kritiker lesen. Porträtiert er ihre Repräsentanten doch nicht nur als machtgepolte Taktierer, sondern arbeitet auch deren Sachverstand heraus. Darüberhinaus liefert „Die Hauptstadt“ ein wohlaustariertes Zustandsbild der Brüsseler Verhältnisse. Lässt man den literarisch unergiebigen, allzu breitgetretenen Krimi-Plot (ein falsch ausgeführter Auftragsmord nebst dessen auf Geheiß hochrangiger Nato-Kreise unterbleibender Aufklärung) einmal beiseite. Menasses Glaube an das Projekt Europa ist gleichermaßen eingeflossen wie die bekannten Vorbehalte gegenüber der EU-Realität. Auch wenn sein bisweilen didaktisch anmutendes Bemühen um Authentizität den Roman in Überkonstruiertheiten führt und damit letztlich schwächt, zehrt „Die Hauptstadt“ bis zum Ende von der Genauigkeit der sechs darin verwobenen Hauptfiguren, selbst wenn drei davon eher typenhaft gezeichnet sind: die Karrieristin Fenia Xenopoulos, der todkranke Kommissar Brunfaut und der dröge EU-Beamte Martin Susman, der die im Roman nach allen Regeln der EU-Diplomatiekunst zu Fall gebrachte Idee ausheckt, Auschwitz ins Zentrum einer Jubelfeier zum 50-jährigen Bestehen der EU-Kommission zu stellen. Gleichsam als Renaissance der Europa nach 1945 begründenden Losung „Nie wieder!“

Die übrigen Figuren aber tragen den Roman bis zu seinem tödlichen Ende: der demente Auschwitz-Überlebende David de Vriend; der Ökonom Alois Erhard, der Menasses EU-Thesen in einer fulminanten Rede vor einem EU-Thinktank transportiert und der melancholische Auftragsmörder Mateusz. Vor allem der politische Impetus des Romans verzückte wohl die Jury des Buchpreises. Am Ende traf man damit keine schlechte Wahl.

Lesung morgen, 19 Uhr, im SR-Konferenzgebäude auf dem Saarbrücker Halberg. Restkarten über die Buchhandlung Raueiser: Telefon (0681) 37 91 80.

Der österreichische Autor Robert Menasse, morgen zu Gast in Saarbrücken.
Der österreichische Autor Robert Menasse, morgen zu Gast in Saarbrücken. FOTO: Arne Dedert / dpa